Nochmal kurz umdrehen funktioniert nicht. Es ist 7:50 Uhr, als mein Wecker klingelt. Mein Zug fährt um 8:38 Uhr. Ich drehe mich noch einmal kurz um. Und schon ist es 8:15 Uhr. Zum Bahnhof braucht man ca. 20 Minuten. In hastigem Schritt eile ich zum Bahnhof.
Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich auf dem Boden die Überreste der wilden samstagnächtlichen Partys verteilt. Die Stadtreinigung ist bereits fleißig am Arbeiten. Diese harte Arbeit soll hier nicht ungewürdigt untergehen.
Den Zug schaffe ich zum Glück, wobei das Konzept von einem Bahnsteig mit 4 verschiedenen Zügen zwar effizient, aber verwirrend ist.
Es fühlt sich gar nicht so an. Aber das ist mein letzter richtiger Tag. Ich habe mich gerade an alles gewöhnt und eine Routine in der Nicht-Routine aufgebaut. Ich kann – oder besser gesagt: ich will – nicht glauben, dass es morgen zu Ende ist.
Wenigstens ist das Wetter heute besser. Die Moldau liegt noch vernebelt in der Morgenruhe. Der Nebel wird nach und nach von den Strahlen der Sonne durchbrochen. Die sonnendurchstrahlten Häuser in den Dörfern am Flussrand wechseln sich immer wieder mit den vernebelten Wäldern ab. Die Landschaft ist ein einziges Gemälde. Empfang habe ich hier keinen, bei dieser magischen Kulisse ist das besser so. Ein kleines Häuschen neben der Bahnstrecke räuchert und der Duft geht in den Zug. Der Zug schlendert durch die unberührte Natur Tschechiens und duftet von innen und außen. Wobei die Toxizität der polyzyklischen Kohlenwasserstoffe aus dem Raucharoma Teil meines Staatsexamens war. Aber da sehe ich jetzt drüber hinweg und genieße lieber mit all meinen Sinnen meine Reise.
Marienbad
Der Bahnhof liegt abseits der Stadt. Mein Tag beginnt mit einem langen Herbstspaziergang durch Marienbad, wo mich güldene Blätter feierlich begrüßen. Die güldenen Blätter, der Ort, die Menschen oder auch der Ginkgo strahlen eine perfekte Ruhe aus. Der Ort ist die pure Sonntagsharmonie. Der lange Weg zum Stadtkern stört nicht, wenn der Weg ein so schöner beruhigender Spaziergang ist.



Natürlich hat jeder berühmte Kurort ein berühmtes Kurhotel. Das Schlosshotel interessiert mich aber weniger als der Kurpark. In Marienbad waren zwar Könige, Dichter, Musiker und sonstige Vertreter der High Society, aber das viel Wichtigere ist der große Kurpark. Kuren waren im 19. Jahrhundert zwar mehr Networking als Erholung. In der Marienbader Natur findet sich aber Ruhe und Entspannung. Einen berühmten Kurgast möchte ich erwähnen. Richard Wagner war hier für einige Zeit zu Gast. Hier fand er die Inspiration für seinen Lohengrin und seine Meistersinger.

Das Heilbad Marienbad hat auch eine Quelle mit Heilwasser. Die Wirkung kann ich nicht beurteilen, ich kann nur sagen, dass das Wasser scheußlich schmeckt.

In den Arkaden der Marienbader Kurhalle finde ich mehr Deutsche als Einheimische. Der Ort scheint ein beliebtes Ausflugsziel für uns Deutsche zu sein. Bei der Nähe bietet sich das auch an.


Einen berühmten Gast der Stadt habe ich noch nicht erwähnt. Johann Wolfgang von Goethe war mehrfach in der Stadt. Er war nur wenige Male hier, hat aber trotzdem die Stadt fest in sein Herz geschlossen. Das liegt aber auch an Ulrike von Levetzow. Die fast 50 Jahre jüngere Dame hatte einen ganz festen Platz in seinem Herzen. Er hat ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht. Doch leider blieb seine Liebe unerfüllt. Seine Gefühle bleiben in der Marienbader Elegie erhalten.

Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen’s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl’ ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.
In der warmen Sonne ist Marienbad ein wahrer Ort der Ruhe und Entspannung. Die Bäume leuchten. Der Duft von Holzfeuer und Geräuchertem liegt in der Luft. Alles ist ruhig und perfekt. Doch der baldige Abschied macht den Tag bittersüß.

Ich sitze wieder im Zug. Wie so oft in den letzten Tagen sitze ich im Zug. Die Natur rauscht an mir vorbei. Vereinzelt sehe ich Camper, doch was bleibt, ist die Natur.
Pilsen
Ich steige nicht am Pilsener Hauptbahnhof aus, sondern an einem kleineren Bahnhof am Rande der Stadt. Ich laufe durch die Straßen der tschechischen Großstadt. Die Straßen der Stadt sind groß und doch menschenleer. Ein paar Autos sind unterwegs, doch andere Fußgänger finde ich selten.
Als Erstes kreuzt das Pilsener Opernhaus meinen Weg. Das Opernhaus ist jetzt kein besonderes Opernhaus, aber der kleine Park dahinter macht den Ort etwas besinnlicher. Die Rusalka-Statue im Park sorgt für eine märchenhafte Stimmung.

strahlst auf uns nieder voll Liebe.
Weiter geht es zu einem besonderen Ort der Stadt. Es geht für mich zur Synagoge der Stadt. Es ist wirklich ein besonderer Ort, da ich bis jetzt nur zweimal in meinem Leben (in Essen und in Krakau) in einer Synagoge war. Der Ort ist wichtig, denn er ist ein Ort der Begegnung und ein Ort des Austauschs. Auch nach 80 Jahren darf die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten, denn wer denkt, es könnte sich nicht mehr wiederholen, der irrt.


Die Straßen Pilsens sind auch weiter am Nachmittag wie leer gefegt. Selbst der Marktplatz der Stadt ist ruhig. Die Stadt lädt zum durchbummeln ein. Es ist ein würdiger Abschied für das Land.


Die Straßen Pilsens sind breit, die Häuser sind alt und sehen schön aus. Manche sind sogar richtig bunt. Und sie sind so schön leer!

Ich bin ja kein Bierfan. Eigentlich. Denn in der Hauptstadt des Bieres muss es sein. Ich gönne mir an einer der bekanntesten Brauereien Europas ein Original Pilsener Pils.

Im Zug erleuchten die letzten Strahlen der Sonne die wunderschöne Natur. Die Bäume, Flüsse, Dörfer und Menschen ziehen an mir vorbei und ich kann noch immer nicht realisieren, dass es jetzt (fast) das Ende ist.
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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