Auch heute sind die Straßen Prags verregnet. Den Weg zum Bahnhof kann ich schon fast auswendig. Im Zug laufen die Tropfen des Regens die Scheibe hinunter und die tschechische Natur liegt ungestört im grauen und verregneten Nebel.
Kutná Hora
Der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Zum Glück ist ein Bus ins Stadtzentrum in meinem Ticket enthalten. Dieser Bus wird als RE in der Interrail-App angezeigt. Eine größere englischsprachige Interrail-Gruppe ist erst verwirrt, ehe sie es wagr einzusteigen. Es regnet mittlerweile nicht mehr, diesig ist es trotzdem noch. Die Straßen sind leer gefegt. Viele Schaufenster stehen leer und wirkliches Leben kann ich nicht erkennen. Eine kleine Kirche steht leer und wird renoviert, aber sonst scheint alles stillzustehen. Die 20.000 Bewohner der Stadt scheinen alle noch zu schlafen.

Das kleine Dorf hat eine Kathedrale. Die Kathedrale der Heiligen Barbara thront am Rand einer städtischen Klippe voller Weinreben. Im düsteren Nebel des frischen Morgens gibt die Kirche ein Bild für die Ewigkeit ab. Der Kontrast der riesigen Kirche zum kleinen Dorf ist ein Schauspiel.
Die Kirche ist gigantisch groß, erstaunlich leer von innen, wieder gotisch und dunkel. Diese große weite Leere der Kathedrale hat etwas ganz Besonderes.


Ich wandere ein bisschen im Regen bei 9 Grad durch die leeren Gassen des Dorfes, das natürlich wieder UNESCO-Welterbe ist und vermisse die Sonne Italiens. Mein nächstes Ziel liegt außerhalb der Stadt und ist das eigentliche Highlight der Stadt.

Mein Ziel liegt im Ortsteil Sedlec. Dort steht die kleine Allerheiligenkirche. Auf den ersten Blick ist sie nicht mehr als eine kleine Kirche. Trotzdem ist die Kirche europaweit bekannt. Unter ihr befindet sich das Ossarium von Sedlec. Mehr als 40.000 Knochen von über 10.000 Personen sind hier untergebracht und wurden kunstvoll drapiert. Düsterer und makaber und zugleich faszinierend.

But maybe everything that dies some day comes back

Sedlec hat auch noch ein Kloster, was allerdings nicht ganz so imposant ist wie der Rest der Stadt.

Im Regen laufe ich zum Bahnhof und warte auf meinen Zug und auf besseres Wetter. Mein Zug kommt, der Regen bleibt. Im Ruheabteil der Bahn ist das Wort Ruhe erneut ein Fremdwort. Nachdem ich die ganze Zeit in Böhmen unterwegs war, fahre ich jetzt in die Hauptstadt der Region Mähren.
Ich habe noch immer Spaß auf dieser Reise und ich finde es schön hier, aber die feurige Flamme der Reiselust aus Italien ist nicht mehr wirklich da. Nur liegt das jetzt an der Dauer der Reise, am Land oder doch nur am Wetter? Eigentlich ist es egal, denn Spaß habe ich trotzdem noch.
Der Zug bimmelt durch die schönen bunten Wälder. Die bunten Blätter verschwinden ab und an im Dunst des mystisch grauen Nebels. Die Natur sieht wie eine einzige Märchengeschichte aus.
Brünn
In Brünn angekommen, merke ich, dass der Ort lauter als das kleine böhmische Dorf von eben ist. Brünn ist keine Metropole, aber zumindest eine Stadt. Ich wandere ein wenig durch die Stadt und lande auf dem Marktplatz. Die Stadt wirkt nicht ganz so historisch wie Prag, aber historische Ecken sehe ich trotzdem.

Die Stadt ist übrigens wieder UNESCO-Welterbe. Und eine Kathedrale – die St. Peter und Paul Kathedrale – hat der Ort auch. Und natürlich ist der Dom wieder groß, dunkel und gotisch.

Ich spaziere noch ein bisschen weiter durch die Stadt und finde noch die eine oder andere schöne Straße und natürlich auch noch mehr Kirchen. Die Himmelfahrtskirche sticht hierbei besonders hervor.


Brünn hat noch eine Universität, wobei auch diese nicht besonders heraussticht. Bis jetzt ist Brünn eine nette Stadt, aber auch kein Weltwunder. Da hilft auch nicht der Trabi über dem Bunker.


Ich finde eine kleine Kirche, die von außen komplett unspektakulär aussieht. Ich gehe trotzdem hinein. Warum, weiß ich nicht. Der Altarraum sieht gut aus. Es gibt noch einen kleinen Gang zur Seite. Am Ende des Ganges ist eine vollkommen neue Welt. Im Halbdunkel liegt der Innenraum einer der schönsten barocken Kirchen, die ich je gesehen habe. Und das Schönste ist, dass es komplett still ist und ich alleine bin. Es ist ein Zufallsfund, der mich staunen lässt.

Zum Abschied des Tages gehe ich auf einen der Hügel der Stadt und gönne mir das, was ich so sehr liebe.

In Tschechien werden die Bahnsteige für manche Züge manchmal erst kurz vorher angezeigt. Für nervöse Menschen ist das ein Problem, für mich auf meiner Reise zum Glück nicht.
Prag
In Prag merke ich, dass Samstagabend ist. Die Stadt mitsamt allen Straßen wird zur Partymetropole. Ich höre fast nur noch Englisch auf den Straßen und das Durchschnittsalter ist massiv nach unten eingebrochen. Der Duft der Stadt erinnert an den Amsterdamer. Ich laufe an einer Gruppe Briten vorbei, die fast so einen starken Akzent und Pegel haben wie die Lads aus Liverpool. Alles, was ich im betrunkenen Englisch verstehe, ist: „Yo, I just wanna get fucked up. I don’t care anymore. Just fuck.“ Die Briten sind wahrlich eine kultivierte Hochkultur. Oder wie mein Bruder sie liebevoll nennt: „Inselaffen“.
Mein Hostelzimmer ist leer. Sie sind alle draußen auf den Straßen und genießen das Leben. So kann ich in Ruhe einschlafen und werde nur ein paar Mal in der Nacht aus dem Schlaf gerissen.
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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