Es ist sieben Uhr. Ein paar Kirchturmglocken läuten. Ich bin schon wach. Heiß und voller Reiselust. Heute geht es nach Venedig. Die Hochburg des von mir so gehassten Massentourismus. Die dreckige Stadt voller Tauben. Warum spüre ich heute eine Lust, die ich seit Langem nicht mehr gespürt habe? Indiana Jones und der letzte Kreuzzug*. Das ist der Film, den ich am häufigsten in meinem Leben gesehen habe. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Die Liebe zum Abenteuer und zur Geschichte treibt mich an. Die Suche nach dem Heiligen Gral als Leitmotiv hat mich schon immer fasziniert. So habe ich ihn doch schon in Bayreuth gesucht und Wagners Parsifal in Frankfurt erleben dürfen.
So früh kann ich leider noch nicht aufbrechen. Ich versuche, die weitere Reise zu planen. Das ist auch wichtig, da mein Sehnsuchtsort Admont am Ende der Welt liegt. Ich kann den perfekten Plan entwickeln. Ich habe bis Dienstag geplant. Sowas kenne ich ja gar nicht, aber es fühlt sich gut an!
Und dann ist es so weit Züge vom Festland nach Venedig fahren zum Glück im Minutentakt und ohne Rucksack läuft es sich viel besser. Beim Blick durch das Fenster weiß ich nicht, was mehr funkelt: die italienische Adria oder die Vorfreudentränen in meinen Augen.
Ich komme an inmitten des Trubels des vollen Hauptbahnhofes. Ich fliehe so schnell es geht. Die Menschenmassen werde ich nie ganz los sein. Natürlich nehme ich nicht das Wassertaxi, sondern laufe durch die Stadt. Das Lächeln auf meinen Lippen wird durch die wunderbare Morgensonne verstärkt. Die hellen Strahlen durchdringen immer wieder die Gebäude und werden so zum Kunstwerk.

Bevor ich tiefer in das Abenteuer Venedig eintauchen kann, lächelt mich eine kleine Bäckerei in einer Seitenstraße an. Wobei streng genommen in Venedig 90 Prozent aller Straßen Seitenstraßen sind. Mein Budget mag knapp sein, aber heute gönne ich mir es mal so richtig! Gefühlt gibt es in Venedig noch mehr Kirchen als Kanäle. Ich sitze auf den Stufen der Kirche San Rocco in der Sonne, während ich esse und blicke auf die Santa Maria Gloriosa dei Frari. Das kirchliche Fundament für die Suche nach dem Heiligen Gral ist gesichert.

Ich und die Kunst, wir werden wohl keine Freunde, außer ein gewisser Vincent sitzt mit am Tisch. Aber dennoch bin ich bei einem Thema nicht ganz unwissend. Tizian und die Kunst der Renaissance in Venedig. Dazu gab es 2019 eine Sonderausstellung im Frankfurter Städel. Ich erkenne seine Werke in der Kirche und huldige sein gigantisches Grab passend. Die Kirche ist leer und wirkt so noch gigantischer.

Venedig ist die Stadt der Liebe und ich verliebe mich unsterblich in die vielen kleinen Gassen und Kanäle Venedigs. Sie sind so einzigartig schön. Die kleinen Kanäle, die zum Glück nicht überfüllt sind und so unspektakulär besonders sind. Es hat ein bisschen was von meiner Lieblingsstadt Marburg, wo ich auch lernte, die kleinen Dinge zu lieben.

Und dann geht es für mich zum wichtigsten Platz Venedigs. Ich rede nicht vom Markusplatz, sondern vom Campo San Barnaba. Vor der Kirche des San Barnaba und dem Rio de San Barnaba spielt das bereits erwähnte filmische Meisterwerk. Hier hat Indiana Jones den Weg zum Heiligen Gral gefunden. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich es mich macht, an diesem Ort zu sein. Du musst es nicht verstehen, aber dieser Platz ist das pure Glück. Und so gönne ich mir hier ein wunderbares Frühstück und sitze auf dem Platz wie manch andere im Film. Allerdings kommt bei mir niemand aus dem Kanal gekrochen.
Ich weiß nicht, ob es am Frühstück, Indiana Jones oder an der Rucksackfreiheit liegt, aber ich merke, dass ich hier und heute ein neues Hoch erreicht habe.
Die Kirche ist heute keine Bibliothek, sondern ein Museum für das Leben und Werk Leonardos da Vinci. Das letzte Abendmahl fehlt natürlich nicht. Die Suche nach dem Heiligen Gral kann weitergehen.


Den Überfluss an Kirchen hatte ich bereits angedeutet. Dank dem City Pass für Venedig kann ich in viele der Kirchen hineingehen. Die Chiesa di San Sebastiano ist als Nächstes an der Reihe. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert, wie viel Kunst in ein so kleines Haus passen kann.

Die nächste Kirche folgt zugleich. Auf der Suche nach dem Heiligen Gral ist das notwendig. Schöner ist aber eigentlich der Blick auf die Insel Giudecca mitsamt der Kirche Il Redentore, die vor Venedig liegt. Heute Vormittag ist keine einzige Wolke am Himmel und Venedig erstrahlt im schönsten Sonnenlicht. Die Kirche Il Redentore wurde übrigens von Palladio entworfen. Ja, das ist der Architekt, von dem wir es gestern erst hatten.

Das Schönste an Venedig sind – zumindest in meinen Augen – die kleinen Kanäle. Der berühmte Canal Grande ist der größte Kanal Venedigs. Welch kreativer Name! Aber ein Kanal braucht keinen originellen Namen, um die Massen anzuziehen. Der Canal Grande ist eines der meistfotografierten Motive in Norditalien. Der bekannteste Fotospot ist die Ponte dell’Accademia. Vor lauter Selfiesticks kann ich die Holzbrücke kaum überqueren. Ich möchte mich jetzt nicht über Massentourismus aufregen. Das wäre scheinheilig.



Und dann komme ich zu einem weiteren Höhepunkt der Stadt. Wobei ich fairerweise dazu sagen muss, dass ich bis jetzt auch keinen Tiefpunkt in der Stadt erkennen konnte. Ich liebe die Oper! Und wenn ich nicht gerade bei den Klängen zu Parsifal den Heiligen Gral suche, dann verliebe ich mich in die Schönheit der italienischen Opern. Liebe, Drama und Leidenschaft. Und dazu noch Musik, die tief in die Seele schaut und das Herz sanft und zugleich fest umschlingt. Eine meiner Lieblingsopern ist Giuseppe Verdis La Traviata. Uraufgeführt 1853 im Teatro La Fenice. Und wo steht das Teatro La Fenice? Richtig in Venedig! Leider ist heute Vormittag keine Opernaufführung, aber eines Tages werde ich hier sitzen und dem Zauber der Musik verfallen. Denn sie singen nicht ohne Grund La vita è nel tripudio! So sieht das Theater nicht nur schön aus, so singen hier auch die besten Sängerinnen und Sänger der Welt. Maria Callas* war hier eine gern gesehene Dame.

Jetzt geht es zum bekanntesten und vollsten Platz in ganz Venedig. Natürlich gehört der Markusplatz zu Venedig dazu. Aber ich muss nicht für 12 Euro einen Kaffee am Markusplatz trinken, nur weil Reisende das angeblich gemacht haben müssen. Ich fliehe schnell vor der großen Menschenmasse in die etwas kleinere Menschenmasse im Venezianischen Museumskomplex.

Im Museum gibt es eine schier unendliche Menge an Kunst und Geschichte. Es ist ein solcher Überfluss, ich kann es kaum verarbeiten oder gar in Worte fassen. Ich kann mich nur durch die Geschichte treiben lassen. Durch Kunstwerke und Statuen. Durch Gold und Silber. Durch Edelsteine und Holz. Durch Bücher und durch modernste Technik.




Which I with sword will open.
Trotz all der Kunst und all der Geschichte: gefunden habe ich ihn am Ende doch nicht. Die Suche nach dem Heiligen Gral geht weiter. Ich habe viele Bilder vom Abendmahl und der Kreuzigung gesehen, doch der Gral selbst bleibt weiter verborgen.
Ich schaffe es nicht wirklich, dem Trubel des Markusplatzes zu entfliehen. Der Markusdom hat mir eine zu lange Schlange, den verschiebe ich auf morgen. Es sind mir gerade zu viele Menschen. Der Dogenpalast ist voll, aber zumindest etwas ruhiger. Taschen sind im Palast eigentlich nicht gestattet, aber ich benutze immer meine Kameratasche als Tasche und kann so das System austricksen.
Die Räume sind groß und weit. Die Wände gehen in der schieren Menge aus Kunst und Gold fast unter. Besucher merken, dass Venedig eine Stadt der Kaufleute war. Wo Handel ist, ist Geld. Und wo Geld ist, sind Kultur, Bildung und Prunk.


Ich kann endlich wieder auf den kleinen und abgelegenen Wegen laufen. Je weiter ich mich vom Markusplatz entferne, umso leerer wird es. Das hält leider nicht lange. Es geht für mich in die – laut Instagram – schönste Buchhandlung Europas. Leider ist die Libreria Acqua Alta dadurch die vollste Buchhandlung Venedigs. Der kleine Geheimtipp ist mittlerweile ein Touri-Hotspot. Es geht nur noch um Selfies und nicht um Bücher. Es gibt eine Warteschlange für den besten Fotospot. Ich verlasse die Buchhandlung ohne Selfie, dafür mit Büchern.

Die Ritaltobrücke ist wieder gut besucht und von Selfiesticks überladen. Ironischerweise sind diese hier nicht gestattet, aber wohl doch geduldet. Die Venezianer hassen zwar den Tourismus, aber COVID-19 hat auch gezeigt, wie sehr sie davon abhängen.


Als Ausgleich für die ganzen Menschenmassen belohne ich mich wieder mit kleinen Gassen und kleinen Kanälen. Sie sind zum Glück leer und das Herz und die eigentliche Seele der Stadt.

Mein nächstes Ziel ist eine kleine, vollkommen unspektakuläre Brücke. Man findet sie in kaum einem Reiseführer und doch war die Brücke über viele Jahrhunderte ein Hotspot der Stadt. Es geht um keine geringere Brücke als die „Ponte delle Tette“. Wortwörtlich heißt das „Brücke der Titten“. Wir sind immerhin in dem Land, das Silvio Berlusconi viermal zum Ministerpräsidenten gewählt hat. Der Name kommt daher, dass dort jahrhundertelang Prostituierte mit nacktem Oberkörper standen und Kunden anwerben wollten.

Die fehlende Kleidung wird im Palazzo Mocenigo, dem Textilien- und Kostümmuseum, ausgeglichen. Der venezianische Karneval darf schließlich nicht unerwähnt bleiben. Das Museum ist menschenleer. Es gibt zusätzlich ein paar Räume, die sich den Düften widmen. Wer das Parfum gelesen* / gesehen* hat, wird einiges wiederentdecken.
Aber nicht nur das Museum ist menschenleer. Die umliegenden kleinen Gassen sind es auch.


Den kulturellen Abschluss des Tages macht das Cà Rezzonico. Der Palast aus dem 18. Jahrhundert ist wieder menschenleer und wunderschön künstlerisch gestaltet.

Die Aussicht vor dem Palast kommt Gralssuchenden wieder bekannt vor. Zum Glück gibt es heute keine Verfolgungsjagd auf dem Canal Grande.

Heute soll ein Tag des Genusses werden. Ein letztes Mal gönne ich mir die fantastische italienische Küche. Eine letzte Pizza. Und weil wir in Venedig sind, gibt es einen köstlichen Bellini dazu!
Auf dem Heimweg läuft mir wie gestern wieder eine Gruppe fertiger „dottore“ entgegen. Zur Belohnung für den Studienabschluss trägt man in Italien wohl einen Lorbeerkranz. Irgendwie schade, dass ich keinen bekommen habe, als ich mein Staatsexamen bestanden habe.
Bevor ich wieder in mein „Hotel“ fahre, laufe ich ein letztes Mal am Campo San Barnaba entlang. Jetzt in der Abendstunde strahlt er noch schöner. Das goldene Licht der Abendsonne liegt wie ein Heiligenschein über dem Platz. Aber habe ich jetzt bei meiner Suche nach dem Heiligen Gral den Heiligen Gral auch gefunden? Ja und nein. Den Gral als Objekt habe ich (noch) nicht gefunden. Aber die Suche nach dem Heiligen Gral ist mehr als ein Kelch. Die Suche nach dem Heiligen Gral ist nicht die Suche nach der Erlösung, sondern die Suche nach einem selbst. Man begibt sich auf eine Reise durch die eigene Seele. Und am Ende findet man sich selbst und das eigene Glück.


Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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