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Minsk: Eindrücke aus der letzten Diktatur Europas (2017)

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Samstag, 14. Oktober 2017

Es ist 1:56 Uhr. Ein leichter Nebel liegt über dem leeren Bahnsteig. Zwei helle Strahlen durchbrechen den nächtlichen Dunst. Es ist der EN 453. Er ist bereits seit 6 Stunden und 58 Minuten unterwegs und er ist pünktlich. Der Zug fährt ein. Ein hektischer Zugbegleiter springt aus dem Zug. Er sieht uns, sprintet zu uns, leuchtet schnell mit seiner Taschenlampe über unsere Tickets und Pässe und schickt uns hastig in den Zug. Er zeigt uns unsere Kabine und verschwindet sofort wieder. Wenig später ist er wieder da, klappt die Betten aus und erledigt ein paar Formalitäten. Und so beginnt die Reise mit etwas Schlaf.

7:21 Uhr – Berlin Hauptbahnhof. Den Halt in Erfurt haben wir verschlafen. Ab jetzt beginnt eine Reise ins Unbekannte. Wenig später erreichen wir Frankfurt (Oder). Der Zug hält fast 30 Minuten. Aber mehr als ein Spaziergang über den Bahnsteig ist nicht möglich. Der Bahnhof ist dafür ganz ansehnlich. Dann ist Zeit für das Frühstück. Das Zugpersonal kann kein Englisch. Russisch können wir nicht. Die piktographische Speisekarte ist unsere Rettung. Das Essen ist lecker und das, obwohl wir im Zug sitzen. Den Übergang nach Polen während des Frühstücks bemerken wir gar nicht. Schengen sei Dank! Wenig später Halt in Rzepin. Warum wir in diesem polnischen Provinzörtchen halten, weiß ich nicht. Über Posen geht es weiter nach Warschau. Und ich sitze die ganze Zeit gebannt am Fenster und genieße die polnischen Landschaften. Es ist 15:08, als wir in Warschau ankommen. Der Hunger ist auch in dieser Stadt angekommen. Wir steigen aus und wollen zum Bordbistro. Stehen aber vor verschlossenen Türen. Ein Bahnarbeiter versucht, uns gestisch zu erklären, dass der Wagen abgekoppelt wird. Panisch sprinten wir zurück in unseren Wagen, aber die Eile war unnötig, da hier die Lok getauscht wird und der Aufenthalt etwas länger ist.

Es geht weiter durch endlos lange und wunderschöne polnische Landschaften. Und dann erreichen wir Terespol. Wir sind kurz vor der weißrussischen Grenze. Mein Vater ist zur Zeit der innerdeutschen Trennung oft per Zug in die DDR gereist, er weiß, was jetzt kommt. Für mich, Jahrgang 2000 wohlgemerkt, kommt jetzt etwas zutiefst Neues und Befremdliches. Die polnische Zollkontrolle war reine eine Formalität. Doch dann kommen zahlreiche Männer in Militäruniform in den Zug. Die weißrussischen Grenzbeamten betreten die Kabine. Pässe, Visa, die Hotelunterlagen und die Tickets zurück werden strengstens geprüft. Ein weiterer Beamter durchsucht die Koffer. Wir müssen noch ein weiteres Formular ausfüllen. Wenig später gehen die Beamten – mitsamt Formular und Pässen! Nach einiger Zeit rollt der Zug wieder los und wir bekommen unsere Pässe wieder. Wir sind jetzt offiziell in Belarus. Die Grenzerfahrung ist jetzt schon das persönlich prägendste an der Reise. Doch bevor es nach Brest geht, wird nicht nur die Zeit vorgestellt, sondern auch die Bahn. Im Osten Europas werden andere Gleise verwendet und dementsprechend müssen die Räder verändert werden. Zum Glück kann man dabei im Wagen bleiben und muss nicht in der Kälte stehen. Nach 2 Stunden geht es dann offiziell nach Brest. Es ist mittlerweile 23 Uhr. Wir wollen eigentlich nur kurz aus dem Wagen steigen, um etwas frische Luft zu schnappen, aber dabei erleben wir eine komplett neue Erfahrung. Sobald der Zug angehalten hat, strömen zahlreiche Menschen an den Zug, um alles Mögliche zu verkaufen. Unsere Mitreisenden erstehen so zum Beispiel einen Sack Kartoffeln. Wir haben uns auf das gute deutsche Reise-Dosenbier und eine Banane für den Hunger beschränkt. Etwas Geld hatten wir schon in Deutschland dafür getauscht. Mein Vater erlebt Flashbacks an seine Zeit im Ungarn der 80er und in der DDR. Was für uns nicht mal ein Euro ist, ist hier bei Weitem einiges mehr. Und dann geht es wieder weiter. Nach ganz wenig Schlaf erreichen wir um 1:27 Uhr nach fast 24 Stunden unser Ziel – Minsk.

Wir haben extra ein Hotel gebucht, das direkt neben dem Bahnhof ist. Aber der Bahnhof ist groß und wir können entweder nach Norden oder nach Süden den Bahnhof verlassen. In der Nähe des Gleises warten zahlreiche Taxifahrer. Wir gehen hin und wollen nur fragen, in welche Richtung wir müssen. Aber natürlich versteht er kein Englisch. Wir zeigen auf unsere Adresse und er will uns dort hinfahren. Nach langen Gestiken können wir klar machen, wir brauchen nur den Weg. Er kann zwar kein Englisch und er kann an uns kein Geld verdienen, aber er holt seinen Kollegen, der ein ganz klein bisschen mehr Englisch kann, damit er uns sagen kann, welchen Ausgang wir nehmen sollen. Dieses kleine Spektakel geht mehrere Minuten. Schon ganz am Anfang der Reise wird klar, wie freundlich und wie bemüht die Menschen in Minsk sind. Eine solche Freundlichkeit ist in den wenigsten Ländern eine Selbstverständlichkeit.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Nach viel zu wenig Schlaf geht es in die Stadt. Beim Geldwechsel im Bahnhof verdichtet sich das Muster, Englisch ist hier wirklich nicht existent, dafür umso mehr Freundlichkeit. Wieder gibt es zahlreiche Formulare, die wir beim Geldwechsel ausfüllen müssen. Das ist schon ein komischer Staat.

Der Weg in die Innenstadt verläuft durch die Gates of Minsk. Der erste Eindruck der Stadt ist ein positiver. Alles ist sauber und ordentlich und zwar richtig sauber. Nur die Uhren gehen anders. Die Autos sind älter und man scheint etwas in der Vergangenheit zu leben. Und während die Menschen vor Höflichkeit strahlen, sind die Farben der Häuser trist und grau.

Zwei historisch-elegante Gebäude in Minsk, mit auffälliger Architektur, Wolken am Himmel und einer urbanen Umgebung.
Das Tor zur Stadt

Es geht weiter zum Regierungsviertel. Auffällig die extrem große Leninstatue vor den Gebäudekomplexen. Ein einsamer Soldat patrouilliert vor dem Gebäude. Es wurde im Vorhinein explizit davor gewarnt, Regierungsgebäude zu fotografieren. Wir laufen interessiert um den Platz herum. Plötzlich bewegt sich der Soldat mit strenger Mine auf uns zu. Innerlich bereite ich mich darauf vor, mich demütigst zu entschuldigen und eine Lobestirade auf Lenin abhalten zu müssen. Doch es kommt anders. Der Soldat fragt uns gestisch, ob er nicht ein Foto von uns machen solle. Wir zögern, aber stellen schnell fest, dass er wirklich nur nett sein will. Das ist keine Falle. Und so fotografiert er uns vor der Statue und sein Lächeln, als wir uns bedanken, ist ein wunderschöner Anblick.

Ein Blick auf die Leninstatue vor einem modernen Regierungsgebäude, zwei Personen stehen in der Nähe auf einem großen Platz.
Goodbye Lenin

Direkt daneben findet sich die Kirche des Heiligen Simon und der Heiligen Helena. Und da gibt es etwas, was direkt ins Auge sticht. Nichts! Es ist eine orthodoxe Kirche, aber sie hat kein Gold oder Prunk. Sie ist ganz schlicht und weiß im Innenraum. Das hatte ich noch nie. Und sie ist erstaunlich leer. Die orthodoxen Kirchen, die ich gesehen habe, waren vollgestopft mit Heiligenbildern und Prunk. Die Menschen sind hier wohl doch etwas anders.

Das Bild zeigt eine rote Kirche mit zwei hohen Türmen und einem runden Fenster, umgeben von Bäumen und einem Zaun. Der Himmel ist bewölkt, was eine düstere Stimmung vermittelt.
Strahlend rote Schlichtheit

Unser Weg bahnt sich weiter der Hauptstraße entlang. Und dann findet sich das Herzstück einer jeden Diktatur: das Innenministerium beziehungsweise das ehemalige KGB-Gebäude. Ein schönes Gebäude, aber das kann nicht die aktuelle politische Lage überdecken. Man darf nicht vergessen, dass das Auswärtige Amt dazu aufruft, dass Touristen sich – aufgrund der instabilen Lage und diffusen Verhaftungswellen – bei der Botschaft vorher online registrieren sollen. Und nicht ohne Grund gilt auch im Jahr 2017 Belarus noch als letzte verbliebene Diktatur Europas.

Die Fassade eines historischen Gebäudes in Minsk mit Säulen und einer markanten Uhr, umgeben von weiteren architektonisch ansprechenden Strukturen.
Das Herz der Diktatur

Weiter unten in der Straße findet sich das GUM. Mir wurde im Vorfeld der Reise von einer Weißrussin eine Sache ans Herz gelegt. Wenn ich da bin, müsste ich das weißrussische Kinder-Pinguin-Pendant probieren. Gesagt getan. Es ist das wahrscheinlich Nahrhafteste, was ich jemals gegessen habe. Ein Bissen und ich bin absolut satt. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich bin zutiefst geprägt!

Es geht weiter zu einem größeren Platz. Dort finden sich der ehemalige Palast der Republik und das ehemalige Haus der Gewerkschaften. Ach ja, die Sowjetzeit scheint wohl nicht so schnell zu vergehen. Aber wir stehen nur kurz vor dem Haus der Gewerkschaften, da werden wir schon wieder (gestisch) gefragt, ob man ein Bild von uns machen solle. Höflichkeit ist hier wohl die höchste Tugend.

Blick auf das Gebäude des Palasts der Unabhängigkeit in Minsk, umgeben von einem weitläufigen Platz und unter einem bewölkten Himmel.
Der Palast der Republik
Gebäude des Nationalen Akademischen Kostenko-Theaters in Minsk mit Säulenfassade und Dekorationen, umgeben von Straßen und Verkehr.
Das Haus der Gewerkschaften

Der Weg verläuft etwas abseits der Hauptstraße. In einer Seitenstraße begrüßt uns ein aufgebahrter T-34. Ein weiterer Haken auf der Bucketlist der Kennzeichen für ehemalige Sowjetstaaten.

Es geht weiter zum Maxim-Gorki-Park. Der lange Spaziergang durch diesen herbstlichen Park ist ein schönes Schmankerl des Tages.

Eine Bronze-Statue von Karl Marx sitzt auf einer Bank, umgeben von buntem Laub im Herbst.
Down to Gorky Park
Listening to the wind of change

Nach dem langen Spaziergang wollen wir erst mal etwas essen. Das ist leichter gesagt als getan, denn die Restaurants verstecken sich ziemlich gut in der Stadt. Wir finden eine Art Restaurant. Es ist mehr wie eine Kantine organisiert und 90 % der Gäste sind in Militäruniform. Aber alle sehr freundlich zu uns. Das Zauberwort in Osteuropa ist Dobre. Es ist vergleichbar mit unserem hessischen Gude. Wir haben keine Ahnung, was das für eine Suppe ist oder was für eine Hauptspeise das ist, aber die Damen versuchen, es uns ganz höflich zu erklären (nur eben auf Russisch). Ich weiß nicht, was es war, aber es war sehr lecker und für umgerechnet 2 Euro bekommen wir Suppe, irgendeine Art Hackbraten катлета mit quasi heiligen картошка und einen Nachtisch.

Und dann geht es auch schon wieder weiter. Der Weg verläuft entlang der staatlichen Philharmonie zu einem Wochenmarkt. Denn ein Trip nach (Weiß)russland ist kein Trip nach (Weiß)russland ohne Vodka. Dieser findet sich aber nicht auf dem Markt, sondern in einem FACHgeschäft in direkter Nähe. Es ist erstaunlich, wie viele Sorten Vodka es gibt. Nun aber wieder zum Wochenmarkt. Ein osteuropäischer Wochenmarkt lässt sich nicht beschreiben. Ein Besuch ist prägend und unbeschreiblich. Das vergisst man so schnell nicht. Ich habe das Glück, dass ein Teil meiner Verwandtschaft nicht allzu entfernt von der polnischen Grenze wohnt. Die Sozialisierung in den Jugendjahren hat heute einen guten Dienst geleistet!

Der Rückweg verläuft entlang der Siegessäule, wo wir Zeugen einer Wachablösung werden. Streng genommen werden wir nicht nur Zeugen, sondern stolpern buchstäblich hinein – zum Glück ohne eine diplomatische Krise auszulösen.

Ein Monument mit goldener Spitze steht auf einem großen Platz in Minsk, umgeben von historischen Gebäuden und unter einem klaren blauen Himmel.
Die Siegessäule

Der Ausklang des Tages erfolgt an einem Spaziergang entlang der Swislatsch. Die ersten goldenen Blätter der Bäume im Park vergolden buchstäblich den Tag.

Ein ruhiger Park mit einem großen Gewässer, umgeben von buntem Herbstlaub und Wolken am Himmel.
Der Swislatsch

Montag, 16. Oktober 2017

Der Weg in die Altstadt von Minsk verläuft zunächst genauso wie gestern. An diesem Morgen ist der Unabhängigkeitsplatz nahezu leer gefegt. Die Stadt ist aber auch insgesamt kaum mit Menschenmassen überströmt und Touristen sehe ich hier eigentlich nie. Dafür Menschen in Militäruniformen. Davon gibt es hier mehr als genug.

Brunnen mit einem Skulpturen-Design von Vögeln, umgeben von modernen Gebäuden und klarem Himmel in einer Stadt.
Der Unabhängigkeitsplatz

Nach einiger Zeit sind wir dann in der Altstadt angekommen. Wobei dieser kein Begriff ist im Vergleich zu einer westeuropäischen Altstadt. Auf der linken Straßenseite findet sich die Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria. Diese Barockkirche ist tatsächlich mal nicht orthodox, sondern römisch-katholisch.

Die Fassade einer orthodoxen Kirche in Minsk, weiß und schlicht, mit zwei Türmen und einem Kreuz, vor einem blauen Himmel.
Mariä-Namen-Kathedrale

Auf der anderen Straßenseite findet sich das wiederaufgebaute Altstädter Rathaus der Stadt. Zahlreiche Statuen und Tafeln erinnern an die Bedeutung des Ortes. So war an dieser Stelle der historische Marktplatz, der diese Stadt einst zum Wohlstand brachte. Das ganze Gebiet ist insgesamt sehr schön gemacht. Man hat auch versucht, das Ganze schön grün und blumenvoll zu gestalten. Die Betonung liegt auf versucht. Der Sowjetcharme liegt auch nach Jahrzehnten noch in der Luft.

Ein historisches Gebäude mit Säulen und Uhrenturm vor klarem blauen Himmel. Im Vordergrund eine Straße mit wenigen Passanten, während auf der linken Seite benachbarte, mehrstöckige Gebäude im Hintergrund sichtbar sind.
Das alte Rathaus

Direkt daneben finden sich ein orthodoxes Kloster und die Kathedrale des Heiligen Geistes. Beide sind natürlich orthodox und prunkvoll vergoldet. Sie sind definitiv prunkvoller als die gestrige Kirche, aber auch nicht so prunkvoll wie andere orthodoxe Kirchen. Belarus ist wohl doch etwas anders.

Blick auf eine weiße Kirche mit grünen Dächern und zwei Türmen vor blauem Himmel in Minsk.
Die Kathedrale des Heiligen Geistes
Blick auf ein weißes Gebäude mit grünem Dach und goldener Kuppel, umgeben von Gras und Bäumen, unter blauem Himmel.
Das orthodoxe Kloster

Was fehlt noch für unsere sowjetische Bucketlist? Der Sportpalast! Natürlich hat auch Minsk einen. Das große Areal lässt sich bereits von der Altstadt erblicken. Das Areal ist, so wie die ganze Stadt, ordentlich und gepflegt. Ein Highlight ist es wohl aber nur, wenn die Sportveranstaltungen auch stattfinden.

Blick auf einen Stadtpark mit modernen Gebäuden im Hintergrund, klarer blauer Himmel und herbstliche Bäume im Vordergrund.
Der Blick von der Altstadt auf den Sportpalast

Nach dem Besuch des Sportpalasts geht es zur Träneninsel in der Swislatsch. Jene Insel soll an die gefallenen Helden des Afghanistankriegs erinnern. Bevor der Fluss überquert wird, kann ich aber noch mal die Baukunst der Sowjetunion betrachten. Wohnraum gibt es hier, ob er schön ist, sollen andere beurteilen.

Ein modernes Gebäude am Ufer eines ruhigen Gewässers mit Bäumen im Vordergrund und einem bewölkten Himmel.
Die Träneninsel mit sozialistischer Baukunst im Hintergrund

Die Träneninsel ist für eine sowjetische Gedenkstätte erstaunlich schlicht. Hier geht es wohl mal tatsächlich um die Menschenleben, die die sowjetische Intervention forderte und nicht um den Sozialismus oder Stalin.

Hinter der Träneninsel und der sozialistischen Baukunst findet sich die Dreifaltigkeitshalbinsel. Das Viertel ist besonders schön und anders als der Rest der Stadt. Es erinnert mich irgendwie stark an Litauen. Die Gaststätten der Stadt verstecken sich aber ziemlich gut im Stadtbild. Außengastronomie ist nicht existent und Schilder auf der Straße gibt es auch nicht. Ab und an finden wir ein kyrillisches Schild, aber das hilft uns auch nicht weiter. Irgendwann finden wir etwas, was ein Restaurant sein könnte. Wir fragen schüchtern, ob man hier essen könne und man kann es kaum glauben, aber sie antworten uns tatsächlich auf Englisch! Es ist mittlerweile früher Nachmittag und alles ist leer, aber das ist nur von Vorteil. Im Restaurant selber erscheint dann die größte Überraschung. An der Wand hängen ganz viele EU-Flaggen! Die Kellnerinnen sind noch freundlicher als sonst. Und die Speisekarte ist auf Englisch und man spricht Englisch mit uns, wenn auch in sehr schlechtem Englisch. Wir haben tatsächlich etwas europäischen Flair in dieser tiefst sowjetischen Stadt gefunden. Die Speisekarte ist auch international und ich will eine sichere Nummer haben und bestelle Pizza. Diese Pizza wäre zwar eine rechtmäßige Legitimation für eine Kriegserklärung Italiens an das Land. Der Teig ist mehrere Zentimeter hoch, die Tomatensoße ist zuckersüßer Ketchup und der Belag ist alles andere als klassischer Belag und dann wird die Pizza mit Pilzen beerdigt. Aber hey, ich bin gefühlt in der Sowjetunion. Da kann die Pizza noch so schlecht sein, ich freue mich trotzdem wahnsinnig über diesen Moment. Sie versuchen immerhin, international zu sein und den Schritt in die Zukunft beziehungsweise Gegenwart zu gehen. Der Verdauungsvodka ist aber definitiv nötig.

Wir laufen noch lange durch die Gegend – ehrlicherweise vielleicht auch nur so lange, weil wir die Orientierung verloren haben – und entdecken so ein paar schöne Villen und wieder ein paar Kirchen. Aber insgesamt ist diese Gegend – so wie die ganze Stadt – stark sowjetisch geprägt. An den Häusern und Geschäften hat sich seit dem Zerfall der UdSSR wenig getan. Eine Reise nach Minsk ist eine Reise in die Vergangenheit. Und so gibt es die perfekte Harmonie aus grauem Beton und goldgelben Herbstblättern.

Die perfekte Harmonie findet sich im Opernhaus – unser eigentliches Ziel. Das Opernhaus ist perfekt in den Park eingebaut und eine echte seltene Schönheit der Stadt.

Eine Ansicht des Opernhauses in Minsk, umgeben von herbstlichen Bäumen mit gelben Blättern und Laternen im Vordergrund.
Harmonie

Wir laufen wieder Richtung Hotel und halten beim Grand Café – Zeit für den 5-Uhr-Tee. Wir sind anscheinend etwas underdressed. Diese Lokalität ist wohl für etwas höher Stehende im Land. Mit eigener Garderobe und Kellnern im weißen Frack werden wir komplett verwöhnt. Der Tee kostet aber trotzdem nicht mehr als 2 Euro. Und so erleben wir – wie so oft bei Reisen nach Osteuropa – wie privilegiert wir doch eigentlich selbst sind, ohne dass es einem bewusst ist.

Dienstag, 16. Oktober 2017

Unser letzter Tag. Viele Sehenswürdigkeiten hat die Stadt nicht – dafür viele neue Erfahrungen. Es geht zu Fuß zum letzten Ziel der Reise. Es geht dabei durch einige Seitenstraßen jenseits der Hauptstraße und da merk ich dann doch einige Unterschiede. Die wirtschaftliche Isolation des Landes wird noch deutlicher und die vergangenen 30 Jahre haben hier nicht Einzug gehalten. Das sehen wir auch beim Museum des großen Vaterländischen Krieges – so nennen sie hier den 2. Weltkrieg. Hinter der standardmäßigen Siegesstatue weht die Flagge der Sowjetunion. Das Museum an sich ist nichts Besonderes, die Ehrenhalle zum Gedenken an die Opfer umso mehr – prunkvoll und theatralisch.

Eine monumentale Statue einer Frau mit einer Trompete, die eine Hand erhebt, vor einem modernen Gebäude mit einem Glaskuppeldach und einer roten Flagge im Hintergrund.
Back in the U.S.S.R.

Dann geht es für uns zurück nach Deutschland – diesmal aber leider im Flugzeug.

Fazit

Und was ist jetzt das Fazit der Reise? Die letzte Diktatur Europas ist vor allem eins: eine Diktatur. Aber die Menschen sind vor allem eins: die freundlichsten und höflichsten, die ich jemals in einem Land getroffen habe. Eine Diktatur ist eine Staatsform und Menschen sind Menschen. Solche Menschen hätte ich hier nicht erwartet, aber ich bin einfach dankbar für die Erfahrungen, die ich sammeln konnte und die Menschen, die ich kennenlernen durfte.

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Die Reise erfolgte im Oktober 2017

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6 Antworten zu „Minsk: Eindrücke aus der letzten Diktatur Europas (2017)“

  1. Avatar von scubatheworldblog

    Ich frage mich, wie die Reise heute 2025 ausgehen würde. Sehr schöner Bericht!

    Gefällt 2 Personen

    1. Avatar von Sehnsuchtsbummler

      Heute wäre das ganze wohl eine noch komischere und interessante Reise. Danke 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Avatar von Die Ukraine vor dem Krieg: Kiew (2018) – Sehnsuchtsbummler

    […] kann ich leider keine Details mehr liefern. Im großen und ganzen erinnert es an das Essen von Minsk. In dem Moment waren wir einfach so hungrig, da war uns alles egal. Danach geht es zum Supermarkt, […]

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  3. Avatar von Die Magie Istanbuls: Ein Abenteuer zwischen Geschichte und Kultur – Sehnsuchtsbummler

    […] einmal eine extra Portion Fernweh mit sich. Aber nicht nur Klimasorgen sind im Flieger. Nach Belarus 2017 ist mit der Türkei in diesem Jahr wieder ein Staat mein Reiseziel, welcher meinen […]

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  4. Avatar von Cambridge und Manchester: Mein Interrail-Abenteuer in England I/IV – Sehnsuchtsbummler

    […] die nächste Zugfahrt beginnt. Die 4 Stunden im Zug sind nichts im Vergleich zu der Reise nach Minsk. Die Züge sind bis jetzt übrigens alle pünktlich! Aus dem Fenster heraus kann ich die […]

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  5. Avatar von Dresden Entdecken: Barock, Kunst und Wiederaufbau – Sehnsuchtsbummler

    […] so langsam deutlich. Denn keine sozialistische Stadt ohne Kulturpalast. Das habe ich schon in Minsk gelernt. Das Wandmotiv könnte aber mal aktualisiert […]

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