The Kunsthistorisches Museum in Vienna with its ornate architecture and dome under a blue sky
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Albtraum, Tod und Zerstörung – Interrail Tag 16

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Der Bahnhof von Udine

Dann kommt mein Zug erst an Tag 16 und nicht an Tag 15 an. Es ist ein bisschen ärgerlich, aber es ist mein erster Nachtzug und heute wird mein Traum wahr. Die 25 Minuten Verspätung stehen zwar noch immer an, aber mittlerweile sind es 35 Minuten.

Jetzt zeigt die Anzeige „verspätet“ an. Zum Glück habe ich über eine Stunde Umsteigezeit und Nachtzüge haben zusätzlich einen langen Aufenthalt in den Bahnhöfen.

Jetzt, wo der Zug eine Stunde Verspätung hat, wird die Sache kritischer. Aber immerhin gibt es jetzt die Aussage 70 Minuten Verspätung. Die 70 Minuten sind dann auch durch und die Anzeige zeigt 100 Minuten Verspätung an. Wenn das so weitergeht, habe ich wirklich ein großes Problem.

Wir sind mittlerweile bei 130 Minuten Verspätung. Ich stehe seit über 6 Stunden an diesem Bahnhof und so langsam wird der Traum zum Albtraum. Admont liegt so abgelegen, ich muss meinen Anschlusszug um 8 Uhr bekommen. Es muss heute klappen. Morgen und übermorgen hat mein Traumziel geschlossen. Wenn es heute mit Admont nicht klappt, ist der Traum ausgeträumt für mich.

Jetzt sind es 170 Minuten Verspätung. Um kurz vor halb zwei habe ich einen zweiten Pulli angezogen. Es ist saukalt und die Wartehalle wurde um halb eins geschlossen. Danke dafür. Vor lauter Verzweiflung bin ich schon vier Kilometer am Bahnhof auf und ab gelaufen. Ich werde mein Programm wohl auf 2 Tage aufteilen und mir etwas Erholung gönnen. Die habe ich nach dieser Nacht auch bitter nötig.

Ich habe noch in Venedig überlegt, ob ich nicht das Ticket ab Venedig kaufen soll, da ich gerne am Anfangsbahnhof einsteige. Ich hätte ja genügend Zeit dafür gehabt. Ich dachte aber, den Aufwand, wieder zurück von Udine nach Venedig zu fahren, brauche ich mir nicht zu machen. Hätte ich das mal gemacht, dann würde ich jetzt zumindest nicht in der Kälte stehen.

Warum will ich eigentlich unbedingt nach Admont? Ich liebe Bibliotheken. In Admont steht die schönste Bibliothek der Welt. Ich kenne zwar nur Bilder, aber die sind atemberaubend genug gewesen. Trinity College war ein Sehnsuchtsort für mich, aber das ist die Endstufe. Ich habe mich schon früher für Naturwissenschaften interessiert und ein berühmtes Fresko der Bibliothek war sehr lange das Titelbild des passenden Wikipedia-Artikels und hat so prägende Eindrücke bei mir hinterlassen.

Is a dream a lie if it don’t come true
Or is it something worse

Bruce Springsteen

Mit über 3 Stunden Verspätung erreicht der Zug Udine. Ich habe meine Sitzplatzreservierung erst am Abend des 14. Oktobers gekauft, daher war die Auswahl der Plätze etwas begrenzt. Ich lande wieder in einem 6er-Abteil. Leider schlafen dort schon 4 Personen. Es ist eng und unbequem. Ich bin so müde und erschöpft, dass ich trotzdem etwas Halbschlaf finde. Für zukünftige Reisen werde ich den Nachtzug früher buchen oder wieder tagsüber fahren und die Aussicht genießen.

Es ist halb acht, als ich in Salzburg aufwache. Über 2 Stunden Verspätung. Meinen Anschlusszug werde ich nicht mehr schaffen. Also geht es für mich einfach weiter nach Wien. Ich hatte es bereits geahnt und mich mental darauf vorbereitet. Laut DB App fällt die Weiterfahrt des Nachtzuges sogar aus. Die Bahnsteiganzeige sagt, dass der Zug jetzt unter einer anderen Nummer weiterfährt. Ich habe keine Lust mehr auf das überfüllte Abteil und diesen Zug. Ich fahre mit dem Regionalzug nach Wien. Für Salzburg ist es noch zu früh und ich bin zu erschöpft. Der Regio ist wenigstens leer und im Ruheabteil habe ich Platz zur Erholung. Außerdem habe ich ja jetzt Zeit. Übrigens, weil die Nacht so super war, habe ich im Nachtzug auch meine Kontaktlinse im Halbschlaf verloren.

Die morgendliche Landschaft versucht, sich bei mir zu entschuldigen. Österreich im Morgengrauen ist ein echtes Schmankerl. Das Licht der Morgendämmerung und der Nebel über dem Wallersee und den weiten Feldern und Wiesen sind ein mystischer und schöner Anblick. Da vergesse ich fast die Nacht.

Die Ruhe der Natur muss nur noch auf das Abteil überschlagen. Ein älteres Ehepaar hat nicht wirklich verstanden, was der Begriff Ruheabteil bedeutet. Bei dieser Aussicht will ich aber ohnehin nicht schlafen.

Wien

Wien ist eine wunderschöne Stadt. So schön, dass ich vor 3 Monaten extra nach Wien gefahren bin. Trotz dessen und meiner Klassenfahrt vor 5 Jahren habe ich noch 2 Dinge, die ich mir hier ansehen möchte. Für diese zwei Dinge habe ich jetzt zwei Tage Zeit. Etwas Erholung soll ja auch nicht schaden.

Wien ist am Morgen noch etwas kalt und vernebelt. Aber ich trage sowieso noch meinen zweiten Pullover. Ich war zwar schon zweimal in Wien, aber ich habe es trotzdem noch nie auf den Wiener Zentralfriedhof geschafft. Vielleicht auch deshalb, weil er zwar Zentralfriedhof heißt, er aber nicht wirklich zentral liegt. Aber warum will ich eigentlich auf einen Friedhof? Der Wiener Zentralfriedhof ist nicht irgendein Friedhof. Er ist der berühmteste und touristisch meistbesuchte Zivilfriedhof Europas. Der Friedhof ist die letzte Ruhestätte zahlreicher berühmter Künstlerinnen und Künstler und so Pilgerstätte zahlreicher Europäer. Mehr Touristen besuchen wahrscheinlich nur die Soldatengräber in der Normandie. Er ist so groß, dass er eine eigene Buslinie hat. Ich laufe natürlich trotzdem. Der Friedhof liegt noch im morgendlichen Nebel und hat so einen ganz mystischen und düsteren Charme.

The neoclassical Thonet family mausoleum in a cemetery inscribed with FAMILIE THONET.
„Death is just another path… One that we all must take.“ – Gandalf
Grand white domed building with a green dome shrouded in morning fog
„Man lobt im Tode manchen Mann, der Lob im Leben nie gewann.“ – Freidank, Bescheidenheit 25, Vom Lobe

Wie bereits angedeutet ist der Friedhof eine große Touristenattraktion. Es gibt zahlreiche Führungen. Von Mozart & Salieri bis hin zu Beethoven findet Touristen alle. Wobei man nicht weiß, wo Mozart genau begraben ist, da er auf einem anderen Wiener Friedhof kein Einzelgrab bekommen hat. Eine Statue steht hier trotzdem als symbolisches Einzelgrab. Aber auch Udo Jürgens und Falco liegen auf dem riesigen Areal. Bei Falcos Grab ist die Bezeichnung „Pilgerstätte“ die richtige. Falco-Fans sind berüchtigt. Ein wahrer Fan pilgert mindestens einmal in seinem Leben zur Ruhestätte des großen Meisters.

Udo Jürgens memorial grave featuring a white marble piano sculpture draped in cloth, flowers, and candles.
Griechischer Wein
Und die altvertrauten Lieder
Schenk‘ nochmal ein,
Denn ich fühl‘ die Sehnsucht
Wieder, in dieser Stadt
Werd‘ ich immer nur ein Fremder sein, und allein
Large pink abstract sculpture standing beside a grave with a wooden cross in a cemetery.
Humor hatte er oder sie auf jeden Fall
The grave of musician Falco featuring a tall red obelisk and a curved glass monument
Muss ich denn sterben, um zu leben?

Zurück in der Wiener Innenstadt bin ich irritiert. Ich finde zwar offene Buchhandlungen an einem Sonntag, aber keine offenen Supermärkte. Nach einer Zeit finde ich einen überfüllten Supermarkt und kann mein Mittagessen im Park einnehmen.

Ich schlendere durch die wunderschöne Stadt und genieße Wien. Das Naturhistorische Museum Wien steht noch auf meiner Liste. Mitten im Wiener Zentrum steht dieser Prunkbau. Architekt des Bauwerks ist kein Geringerer als Gottfried Semper, den ich aus dem schönen Dresden kenne.

The Kunsthistorisches Museum in Vienna with its ornate architecture and dome under a blue sky
Ach Wien, ich habe dich vermisst

Die ersten Hallen des Museums sind der Geologie gewidmet. Sie sind überfüllt mit Mineralien, Steinen und Edelsteinen. Ein Objekt sieht schöner als das andere aus. Diese bunte Farbenvielfalt! Ich verstehe jetzt umso besser, wie der von mir so sehr verehrte Alexander von Humboldt beim Studium der Geologie seine Liebe zur Naturwissenschaft und Natur gefunden hat. Die Kunst der Natur ist so schön, wie sie kein Mensch erschaffen kann. Einen Stalagmit aus der Höhle von Postojna entdecke ich auch.

Dark crystalline mineral specimen on an earthy matrix in a museum display with labels
Graue Schönheit
Iridescent crystalline mineral specimen with vibrant rainbow colors and small embedded tan crystals
Bunte Schönheit

Auch die Geschichte kommt hier nicht zu kurz. So gibt es hier Ausstellungsräume über die Anfänge der Menschheitsgeschichte und den Beginn der Zivilisation. Bei der berühmten, aber winzigen Venusstatue bin ich etwas an Blaubeuren erinnert.

The Venus of Willendorf, a small Paleolithic figurine of a woman with exaggerated features
“Size matters not. Look at me. Judge me by my size, do you?”

In diesem Museum gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt. Besonders angetan bin ich von der Südamerika-Ausstellung. Ich verspüre eine unglaublich große Tropensehnsucht. Ich liebe Europa. Aber meine Sehnsucht nach einer Reise in die Tropen lässt sich nicht in Worte fassen. Eines Tages bin ich in den Tropen.

Neben den Tropen geht es in dem Museum auch nach Unterwasser und zurück zu den Dinosauriern. Wie gesagt, es gibt nichts, was es nicht gibt.

Ornate grand staircase with marble statues, arches, and intricate ceiling frescoes in a historic building.
Bei all dem Fernweh darf das Jetzt aber auch nicht vergessen werden
A realistic jellyfish sculpture suspended from a grand, ornately decorated and gilded ceiling.
Willst Du mit mir Quallenfischen gehen?
Diverse collection of bleached coral skeletons including branching and brain coral varieties
Korallen ganz wie in Australien

Wusstest Du eigentlich, dass die Giraffe sieben Halswirbel hat? Und wusstest Du, dass der Mensch auch sieben Halswirbel hat? Schon faszinierend. Das alles lernst du in der zoologischen Abteilung des Museums. Du lernst aber auch viele ausgestorbene Arten kennen. Im Gegensatz zu den Dinosauriern sind diese Arten aber aufgrund einer anderen Spezies ausgestorben. Verantwortlich für die meisten ausgestorbenen Arten der letzten Jahrhunderte ist der Mensch.  Momentan sind circa 48.000 Arten vom Aussterben bedroht. Die zerstörerische Gewalt, die der Mensch der Natur antut, macht mich wütend und bringt mich an den Rand der Verzweiflung.

Trotzdem oder gerade deshalb hat sich der Besuch des naturhistorischen Museums gelohnt und ich kann mich auf den Weg zu meinem Hostel machen. Das Hostel Ruthensteiner ist eines der berühmtesten Hostels in ganz Wien. Ich will mich immer meinem Gastland anpassen und will daher diesmal in der Landessprache einchecken. Ich werde aber gefragt, ob ich das auch auf Englisch machen könne. Meine Mitreisenden sind von überall aus der Welt und nicht aus der direkten Umgebung. Ich beschließe spontan, meinen Aufenthalt um zwei Tage zu verlängern. Ich will nach Admont. Mittwoch öffnet das Kloster wieder für Besucher und Mittwoch werde ich dort sein. Egal wie. Ich plane einfach ein bisschen um und den Rest regelt mein Schicksal. Ich lasse meine Träume nicht von der ÖBB wegnehmen. Wien ist die Stadt der zweiten Chancen.

Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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