Wenn Gäste eine Sache in Hostels lernen, dann Rücksicht. Ich bin Frühaufsteher. Die meisten jungen Menschen nicht. Aus Rücksicht verlasse ich meist erst gegen 9 das Zimmer. Für viele Menschen ist das schon früh genug. Aber carpe diem!
Beim buongiorno auf dem Flur wird mir bewusst, dass ich ja sogar ein bisschen Italienisch kann. Nach dem Staatsexamen habe ich endlich wieder Zeit, meiner Affäre – der klangschönen italienischen Sprache – nachzugehen. Affäre, weil ich fest mit der Schönheit der deutschen Sprache verheiratet bin.
Die Straße ist überfüllt mit Vespe (das ist der korrekte Plural von Vespa). Es wird gehupt. Ich werde beinahe angefahren. Es ist laut. Ich bin in Italien! Lautmalerisch klingen die Sirenen der Krankenwägen. Ich bin begeistert!
Und die Italiener erfüllen so manches Klischee. Die italienische Lebensweise ist nun einmal eine ganz besondere und spezielle. Die Stadtreise durch Triest beginnt am Canal Grande der Stadt. Ich habe gestern mein Herz an Italien verloren. Mit jedem weiteren Schritt stürzt mein Herz tiefer in die unendliche Weite des Kosmos. So geht es nicht nur mir. So hat der berühmte irische Schriftsteller James Joyce einst so passend geschrieben: „My soul is in Trieste.„.

Für die Stadt habe ich keine Route geplant. Ich lasse mich treiben. Mich zieht alles in der Stadt an, aber ich finde meinen Weg. Am Ende des Canal Grande steht natürlich eine Kirche. Wobei diese nicht katholisch, sondern orthodox ist.

Mein Irrweg führt mich zur ehemaligen Börse. Architektur können die Italiener fast so gut wie Regierungskrisen. Ein Bauwerk ist schöner als das andere. Ein wahrer Prunkbau!

Das nächste Meisterwerk ist der Piazza Unità d’Italia. Die herrschaftliche Architektur ist einzigartig und italienischer Standard zugleich. Italien hat nicht ohne Grund die meisten UNESCO-Welterbestätten.


Plötzlich wird mir klar, wie vielseitig und abwechslungsreich diese Reise ist. Von Zügen, Seen, Bergen, Meer und Kunst habe ich alles erlebt. Und das in nicht einmal einer Woche! Genau das liebe ich so am Reisen, die unnachgiebige Flut an neuen Erlebnissen und Erfahrungen.
Das Besondere an Triest ist, dass es nicht immer zu Italien gehörte. Lange regierten die Habsburger und ihre Macht ist bis heute nicht ganz verschwunden. Einzelne Denkmäler erinnern an die Vergangenheit. Besonders erwähnenswert ist das von Kaiser Maximilian. Kaiser von Mexiko.

Triest war dabei für die k.u.k.-Monarchie besonders wichtig, da es der Meerzugang des Kaiserreichs war. Der Triester Hafen war einst das Tor zur Welt, Tor zum Handel und Tor zur Macht.

Nach dem Hafen mache ich mich auf den Weg zur Kathedrale und zum Kastell der Stadt. Ich lasse mich treiben und gelange in kleine Gassen, die noch kein Tourist zuvor gesehen hat. Ich treibe sehr lange durch diese Gassen.

Die Ursprünge des Kastells gehen überraschenderweise mal nicht auf die Römer zurück, sondern nur bis ins 15. Jahrhundert. Italien ist mehr als nur Rom. Kultur hat das Land im Überfluss.

Die Kathedrale in der unmittelbaren Umgebung steht auf dem Fundament der römischen Basilika. Ganz ohne Rom geht es doch nicht. Die Mosaike sind sehr sehenswert. Den Einfluss der Habsburger sehe ich auch wieder. Ein einziger melting pot dieses Triest!

Natürlich bringt jede Handelsstadt eine große Anzahl an Kaufleuten hervor. Das Geld der Kaufleute muss aber auch ausgegeben werden. Ein beliebtes Hobby der Kaufleute war das Sammeln archäologischer Artefakte. Und so lag ein großer Teil der Geschichte Italiens für Jahrhunderte in Schubladen. Indiana Jones* wäre außer sich gewesen. Dieses historische Erbe ist zum Glück im Laufe der Jahrzehnte immer weiter zurück in die Öffentlichkeit gelangt. Das Museum für Stadtgeschichte zeigt eine unermessliche Sammlung an archäologischen Artefakten, von denen der größte Teil ursprünglich aus Privatbesitz stammt. Benannt ist das Museum nach dem bedeutenden deutschen Archäologen Johann Joachim Winckelmann. Und das Beste ist, dass das Museum kostenfrei ist. Diese Menge an historischen Alltagsgegenständen ist für mich etwas ganz Besonderes. Vor 2000 Jahren war es Alltag oder billiger Kram. Neben den römischen Artefakten gibt es noch viel mehr zu entdecken. Unter anderem ganz viele Mumien. Und anders als beim British Museum in London sind die Räume leer und laden zum Studieren ein.

Nach meinem glückserfüllten Ausflug in die Archäologie durchstreife ich weiter Triest. Genieße kleine Gassen. Und lasse das Glück auf mich einprasseln.

Was wäre Italien ohne die italienische Kirche? Ich bin kein großer Kirchenfan. Aber die Kirche ist leer und mit dem Ave Maria des Kirchenchors im Hintergrund hat der Ort etwas Beruhigendes, ja Transzendentes Für Momente wie diese habe ich extra keine Uhr an, damit ich schweben kann.
Was braucht eine jede italienische Stadt? Ein römisches Amphitheater!

Über den Canale Grande geht es für mich zum Bahnhof. Nein, ich möchte Triest nicht verlassen. Ich möchte die Vororte der Stadt erkunden. Die Sorgen und Gedanken der ersten Tage sind verflogen. Ich weiß nicht, ob die Sorgenfreiheit an Italien liegt, dem gestrigen Sonnenuntergang oder einfach nur an der Tatsache, dass mein Schrank im Hostel jetzt ein Schloss hat. Aber solange ich glücklich bin, ist mir die Ursache des Glücks auch egal. Wer sein Glück gefunden hat, kann aufhören zu suchen.

Im Zug nach Visogliano, der eigentlich nach Venedig geht, frage ich mich, ob ich nicht meinen ursprünglichen Plan komplett verwerfen soll und nach Venedig weiterfahre. Da meine Sachen aber noch im Hostel sind, werden meine Gedankenspiele ausgebremst. Und außerdem habe ich meinen Freunden versprochen, sie in Split zu besuchen. Lust hätte ich aber!
Der Bahnhof Sistianas wirkt so, als hätte diesen Ort noch kein Tourist in seinem Leben gesehen. Zum Glück will ich nicht in das Dorf, sondern an die schönen Klippen. Der ganze Ort wirkt hell, steinig und staubig. Ich vergesse, dass wir gerade Oktober haben.
Nach guten 20 Minuten erreiche ich die Klippen. Für mich sind Klippen ein Symbol der Freiheit. Und Freiheit ist Glück. Die Klippen erinnern mich fast ein wenig an die Klippen der Freiheit in der Normandie. Aber auch nur fast. Sie sind steiniger und nicht durch ein sanftes Grün bedeckt.

Nicht nur die Klippen sind sehenswert. Das Meer ist es auch. Die kleinen bunten Segelboote auf der grauen tristen See sind ein Kunstwerk.

Der Weg entlang der Klippe ist alles andere als leicht. Er ist sehr steinig, steil und an manchen Stellen nicht wirklich existent. Ich habe erneut Angst um meine Knöchel.

Nach einer Weile finde ich einen alten Bunker. Die Normandie erscheint wieder vor meinem inneren Auge. Ich klettere in das Dunkel hinab und bahne mir mit meiner Handy-Taschenlampe den Weg. Es sind nur wenige Meter und dann finde ich den Ausgang Richtung Klippe. Ich kann meinen Augen kaum trauen. Der Ausblick ist wirklich atemberaubend. Das Meer, die Klippen und dann noch in der Ferne das Schloss Belvedere.


Bevor ich mich auf den Rückweg mache, erkunde ich mich über meine Bahnverbindung und stehe vor einem Dilemma. Ich kann entweder 2,5 Stunden warten oder einen 35-Minuten-Weg in 30 Minuten zurücklegen. Es ist ein ewiges Hin und Her in mir. Eigentlich will ich mich nicht stressen, aber die Zeit drängt. Mal sprinte ich und dann denke ich mir: „Ist doch auch egal, ich esse jetzt erst einmal.“ Aber um 3 Uhr finde ich in diesem Dorf natürlich nichts. Also beeile ich mich wieder Dann bremse ich wieder ab. Und dann eile ich wieder. Außer Atem erreiche ich rechtzeitig den Bahnhof. Es geht nach Miramare. Einem kleinen Dorf mit einem malerischen Bahnhof.

Der Weg zum Schloss verläuft zunächst durch einen Wald. Es ist vollkommen ruhig und still. Das Märchenschloss ist ein weiteres Überbleibsel der Habsburgerzeit. So klein, so abgelegen an der Adria, es fühlt sich wie im Märchen an. Der Garten ist bunt und vollkommen. Wald, Blumen und Meer. Ein kleines Paradies für den Ungläubigen. Ein italienisches Eis wäre perfekt. Bei den Preisen des kleinen Cafés vergeht mir aber das Verlangen.


Zurück laufe ich am Strand der italienischen Adria. Ich entdecke einen „Nett hier, aber waren sie mal in Baden-Württemberg“-Aufkleber und muss lachen. Nichts kommt an diesen Flair und das Lebensgefühl heran. Italienisch klingt wie Musik in meinen Ohren und mein Wunsch nach einer heißen Affäre mit dieser Sprache wird immer größer.

Bei der Fahrt nach Triest werde ich wieder Zeuge der goldenen Metamorphose des Meeres. Ich beschließe, wieder den Sonnenuntergang am gleichen Ort wie gestern zu genießen. Aber zuerst ein Eis. Ich bin schließlich in Italien. Ich habe aber Pech. Erst finde ich nirgendwo einen Ort zum Eiskaufen und das, was ich finde, schmeckt nach nichts und nach Pappmaché-Waffel. Ich muss weiter suchen.
Der Sonnenuntergang ist wie immer hinreißend, selbst wenn er nicht ganz so perfekt wie gestern ist. Aber das ändert nichts an meiner Liebe für das goldene Himmelsfeuerwerk.

In der Dunkelheit habe ich Zeit, einen Lebenstraum von mir in Erfüllung gehen zu lassen. Pizza in Italien. Ich bin zwar etwas schockiert, dass man in ITALIEN! nicht weiß, was Lambrusco ist, aber dann nehme ich eben Wasser. Ist ohnehin gesünder. Die Pizza mit Büffelmozzarella ist die beste Pizza, die ich in meinem ganzen Leben je gegessen habe. Die Soße ist so fruchtig-tomatig und der Mozzarella hat die beste Konsistenz, die ein Käse haben kann! Pizza, ich komme wieder!
Um zehn Uhr herrschen in meinem Hostelzimmer Stille und Dunkelheit. Meine Nachbarn sehen das wieder anders.
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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