Ancona
Um halb sechs bin ich mehr oder weniger ausgeschlafen. Die Plastiksitze waren besser als manches Hostelbett. Das Meer ist noch mit einem dunklen Schleier bedeckt. Um halb sieben erscheinen die ersten Lichter der Stadt am Horizont. Der orangene Sonnenaufgang über dem Meer ist ein wunderschöner Anblick. Besser kann ein Tag nicht starten.
Wer die Arbeitsweise des öffentlichen Dienstes (in Italien) verstehen möchte, der muss den Film „Der Vollposten*“ gesehen haben. Ich habe selten eine so akkurate Darstellung gesehen. Denn trotz Schengen gibt es in Ancona zunächst Grenzkontrollen. Es gibt zwei Beamte und zwei Schlangen. Über beiden Schlangen steht Unionsbürger und alle Pässe. Also an sich zwei identische Schlangen. Nicht aber, wenn man in Italien ist. Denn Grenzbeamte 2 möchte nicht arbeiten und sagt, dass er nur italienische Pässe kontrolliert. Also kontrolliert er zwei Pässe und hat danach nichts zu tun, während sein Kollege im Stress versinkt und der Unmut in der Schlange steigt. Wenig später sagt Beamter 2, dass er auch deutsche, französische und englische Pässe akzeptiere. Zum Glück langt mein Italienisch, um das zu verstehen. Weil Beamter 2 jetzt im totalen Stress steht, schaut er nur kurz auf den Ausweis und scannt ihn erst gar nicht. Den Sinn dahinter verstehen wohl nur italienische Staatsdiener.
Eigentlich wollte ich direkt weiter nach Rimini und San Marino, aber wenn ich mir Ancona so ansehe, hat die Stadt irgendwas, das mich anzieht.

In Ancona geht es für mich hoch hinaus. Es zieht mich förmlich auf den Domhügel. Die kleinen Gassen auf dem Weg zum Dom sind der Grund, warum ich hier bin. Dieser einzigartige italienische Charme hat mein Herz erobert. Auf dem Weg zum Dom komme ich bereits an der einen oder anderen Kirche vorbei. Eine schöner als die andere.


Der anstrengende Weg hoch auf den Domhügel wird durch eine umwerfende Aussicht belohnt Der morgendliche Ausblick ist überwältigend. Denn es scheint, als könnte ich tief in die schönen braunen Augen der italienischen Seele schauen.

Italienische Kirchen sind etwas ganz Besonderes. Und selbst wenn ich keinen Draht zur Kirche habe, so machen diese Orte etwas mit mir. Und natürlich gibt es in der Umgebung der Kirche auch ein paar antike Ruinen. Das gehört zu Italien wie Burgen zum Mittelrheintal.


Bevor ich wieder in städtischen Gebieten unterwegs bin, gehe ich etwas an den grünen Wegen der Meerseite entlang. Die Aussicht ist hier noch einmal besser als eben und das scheint mir fast nicht möglich zu sein.

Bis auf ganz wenige Gassigänger ist es hier zu dieser frühen Stunde leer. Ich höre nur die Vögel zwitschern. Die verlassene Stimmung wird durch die alten, zum Teil verlassenen Gebäude und den alten Friedhof perfekt abgerundet.


Nach der Ruhe geht es in den großen Trubel einer italienischen Großstadt. Aber die Italienerinnen schaffen es, entspannt hektisch zu sein. In der Stadt werde ich an eine klassische Asterix*-Szene erinnert. Der Duft der Markthalle ist zu dominant für meine Nase.

Italienische Kirchen sind immer etwas Besonderes. Das habe ich oben bereits geschrieben. Die Chiesa di San Domenico ist noch einen Ticken mehr besonders. Denn so ist sie nicht nur groß und imposant, so ist sie auch leer, still und bedächtig. Bei all der Monumentalität darf der Zweck einer Kirche nie in den Hintergrund rücken. Und so kann ich hier meinen Geist und meinen Körper ausruhen.

Nach der anstrengenden Erholung ist es Zeit zum Essen. Ich esse meistens nicht sehr besonders auf Reisen, aber die italienische Küche ist einer der Gründe, warum ich jetzt hier stehe. Ich liebe die italienische Backkunst. Im Supermarkt wird beim Bedienen nebenbei noch telefoniert. Nach einer Ewigkeit bekomme ich mein Essen und mache mich auf den Weg ins Mole Vanvitelliana. Das Fünfeck war einst Quarantänestation – also nicht bei COVID-19, sondern weit früher – und ist jetzt Kunstausstellung. Neben der Kunst hat es aber auch Bänke und bietet mir die Chance, in Ruhe mein italienisches Brot zu genießen. Es ist köstlich.


Gestärkt geht es für mich zum Bahnhof. Die italienischen Schnellzüge sind in meinem Interrail-Ticket nicht inklusive. Also fahre ich mit der kleinen Küstenbimmelbahn. Die hält zwar fast überall. Der Ausblick auf das strahlende funkelnde Blau des Mittelmeers ist es aber wert. Bei diesem Anblick habe ich das Gefühl, dass die nächsten Tage gut werden. Die Sorgen und Zweifel der ersten Tage sind mittlerweile so verflogen wie die Möwen über der Adria.
Rimini
Rimini ist ein kleines ruhiges Städtchen. Das verwundert mich etwas, da ich Rimini eigentlich als Partymetropole abgespeichert hatte. Aber vielleicht stimmt so manches Vorurteil auch nicht. Der eigene Eindruck ist das, was zählt. Aber wie soll ich bei den ganzen vielen Eindrücken der letzten Tage eigentlich alle Eindrücke verarbeiten, realisieren und genießen können?
Ich mache mich auf den Weg zum historischen Kern der Stadt. Natürlich steht Rimini im Zentrum der Römer – was auch sonst? Mein erstes Ziel ist die Tiberiusbrücke. Die alte Brücke aus der Römerzeit steht noch heute. Die Römer waren einfach die besten Bauherren Europas!


In der Altstadt Riminis treffen die Überbleibsel aus römischer Zeit, dem Mittelalter und der Renaissance aufeinander. Trotz der historischen Vielfalt erscheint Rimini harmonisch. Auch das neue italienische Leben passt in die Welt hinein. Perfektioniert wird das Stadtbild durch die langsam untergehende Sonne, die mit ihrem warmen Licht die Stadt vergoldet.

Rimini ist jetzt schon ein kleines italienisches Örtchen, das mir mit jeder Ecke der Stadt ein kleines Lächeln auf meine Lippen zaubert. Und während ich so glücklich durch die Stadt gehe, finde ich die Bibliothek. Ich erkenne auf den Postern direkt, dass es eine herrliche alte Bibliothek der Renaissance ist. Aber neben der alten Bibliothek befindet sich in dem Gebäude jetzt auch die moderne neue Stadtbibliothek. Da ich bekanntermaßen alte Bibliotheken liebe, gehe ich hinein. Das Problem ist, dass ich die historische Bibliothek nicht finde und durch die Bibliothek herumirre. Die Mitarbeiterin der Bibliothek versucht mir zu helfen. Sie kann nur kein Englisch und ich kaum Italienisch. Irgendwie versteht sie aber, dass ich in die alte Bibliothek möchte. Die ist zu. Sie schließt sie extra für mich auf, damit ich hinein kann. Und dann wird ein Traum von mir wahr. Ich wusste zwar nicht, dass das ein Traum von mir ist, aber er ist in Erfüllung gegangen. Ich kann ganz alleine durch eine Bibliothek der Renaissance wandern. Ich bin einfach nur glücklich. Das mille grazie am Ende an die nette Dame kommt von ganzem Herzen.


Zu jeder italienischen Stadt gehört auch ein großer zentraler Platz. Dieser Ort stellt das Herz einer jeden italienischen Stadt dar. In Rimini ist dieses Herz der Cavour Platz.

Neben Römern gibt es aber noch mehr in der italienischen Geschichte. So steht in Rimini auch noch die Burg Sismondo, die aus dem 15. Jahrhundert stammt.

Trotz Renaissance dürfen die Römer nicht zu kurz kommen. Denn jede bedeutende römische Stadt braucht einen Triumphbogen und ein Amphitheater. Rimini hat natürlich beides.


Das letzte kulturelle Highlight der Stadt ist die Kathedrale. Der Tempio Malatestiano ist ein gebührendes Ende für das Kulturprogramm.

Neben der Kultur ist Rimini auch für seine weiten Strände bekannt. In der Dämmerung sind diese fast leer. Ich finde nur ein paar Spaziergänger. Zum Baden ist das Wasser jetzt zu kalt. Meine Füße dürfen trotzdem die Frische Neptuns genießen. Die Ruhe wird aber gestört. Ich finde nicht viel Müll am Strand. Aber jedes Fitzelchen Plastik bringt mich zur Weißglut. Aber meckern kann jeder. Und so trage ich alles, was ich tragen kann und suche den nächsten Mülleimer.

Zum Abschied des Tages gönne ich mir das, weswegen ich eigentlich nur hier bin. Pizza! Und ja auch diese Pizza war einfach köstlich!
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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