Zagreb
Der Schlaf war kurz, das Bett lang. Die Dusche tropfte die ganze Nacht. Von der Straße am offenen Fenster kam der Lärm. Mitten in der Nacht fiel mir das Handy vom Hochbett herunter. Die Vorzeichen stehen schlecht, aber heute wird ein guter Tag. Denn exakt eine Woche nach meiner letzten Prüfung treffe ich meine Freunde und Leidensgenossen aus dem Studium wieder.
Vor dem Bahnhof der Stadt thront Tomislav, der erste König der Kroaten. Hinter ihm steht eine kleine Grünanlage und das gelbleuchtende Kunstpavillon. Vor Tomislav steht eine Ansammlung irischer Sportlerinnen. So wie es sich für die Bewohnerinnen der Grünen Insel gehört, verbreiten sie gute Laune und singen und tanzen auf der Straße. Irinnen muss man einfach lieben.

Zagreb bietet eine schöne klassische Architektur. Es ist aber auch laut, voll, dreckig und manchmal verrußt. Aber dafür gibt’s immerhin freies W-LAN fast überall und etwas Grün.

Die eigentliche Altstadt ist überschaubar. Natürlich stehen Kathedrale und Mariendenkmal auch in Kroatien im Zentrum des Stadtbildes. Die Kathedrale wird momentan restauriert und lässt sich nicht von innen besichtigen.


Ich habe viel Zeit, ich setze mich in den nächsten Park und gönne mir etwas Erholung. Die habe ich mir an Tag 6 verdient. Lange kann ich aber auch nicht nichts tun und mache mich auf zum mittelalterlichen Stadtkern.

Der ganz alte Stadtkern ist nett, aber auch nichts Weltbewegendes. Interessant ist nur die Kirche, die sich versteckt in einem Tor befindet. Kirche ist vielleicht auch etwas übertrieben. Es ist eigentlich nur ein Altar.
Die St-Markus-Kirche in der Nähe hat dafür ein richtiges Dach und ist nicht nur eine Durchfahrt.


Der ganze Hügel des historischen Stadtkerns ist schön. Ein Oldtimer am Straßenrand macht das Bild – wie in Rothenburg – perfekt. Es ist witzig, dass viele Straßen neben einem kroatischen Straßennamen noch einen deutschen Straßennamen haben. Die k.u.k.-Zeit hat auch in Zagreb ihre Spuren hinterlassen.

Wie eben schon erwähnt, handelt es sich bei dem Stadtkern um einen Hügel. Dementsprechend ist die Aussicht auf die Stadt natürlich auch eine gute. Der Rückweg nach „unten“ ist dafür umso steiler, voller Kopfsteinpflaster, und „rustikaler“.


Meine Rundreise durch Zagreb wird kultureller und gelber. Das kroatische Schulmuseum und das kroatische Nationaltheater sind nicht nur schöne Orte, sondern auch sehr gelbe Orte. Sie bieten die Gelegenheit für eine kleine Sonnenpause.

Außerdem glaube ich, dass mich dieser Mimara verfolgt. So heißen nicht nur ständig Züge wie er, so gibt es auch noch das passende Museum von ihm hier in Zagreb.

And every move you make
Every bond you break
Every step you take
I’ll be watching you
Ich schlendere durch die Stadt und entscheide mich lieber für eine Bank in der Sonne. Die Gehwege enden immer in Baustellen. Mein Weg zu der Bank in der Nähe von Tomislav verläuft durch ein unterirdisches Einkaufszentrum.
Als ich gemütlich in der Sonne sitze, werde ich dann von einem Amerikaner angesprochen. Er hat mein Abbey Road T-Shirt* gesehen und wir unterhalten uns etwas über meine Liebe zu den Beatles, meine Magical Mystery Tour durch Liverpool, die Hamburger Reeperbahn, und wie es ist, über den berühmtesten Zebrastreifen der Musikgeschichte zu laufen. Und er bringt mir eine große Lebensweisheit mit auf den Weg.
„Egal wo auch immer du hingehst, du findest immer einen Deutschen. Die Deutschen sind immer die ersten an einem Ort.“
– eine alte amerikanische Weisheit
Er hat wohl recht mit seiner Weisheit. Schließlich hat er auch mich gefunden. Nach unserer Unterhaltung zieht er weiter und ich versinke wieder in meinen Gedanken. Welche Züge nehme ich als Nächstes? Ich bin erst einmal für unbestimmte Zeit bei meinen Freunden, aber was kommt dann? Ich ertappe mich, wie ich der Sehnsucht nach Italien verfalle. Das Land hat mein Herz erobert und ich habe es dort verloren. Aber ich wollte doch eigentlich weiter Richtung Osten. Eigentlich. Aber für Italien lodert es lichterloh in meinem Herzen. Die Sehnsucht und der Reiz sind so stark in mir, da kann ich nicht widerstehen. Rumänien hat eine wunderschöne Landschaft, aber leider ein ausbaufähiges Streckennetz und lange Strecken. Und ich stehe lieber in der Natur, als sie aus dem Fenster zu fotografieren. Italien mag zwar die instabilsten Regierungen Europas haben, aber dafür mit das stabilste Bahnstreckennetz. Ursprünglich war auch mal nur Italien der Plan. Das war mir aber zu teuer und ich wollte Goethes Italienreise* nachmachen. Aber warum eine Reise nachmachen, wenn ich meine eigene Reise gestalten kann? Wieso habe ich eigentlich das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss? Ich habe zwar nur 4 T-Shirts und mehr Pullis mit, aber das würde ich sicher irgendwie schaffen. Ich wollte nach Venedig bereits durchbrettern. Das Schöne an dieser Reise ist, dass nichts geplant ist und ich niemanden was schuldig bin und einfach meinem Herzen folgen kann. Also auf nach Italien! Ich weiß zwar noch nicht, was ich mir genau in Italien anschauen möchte und wie ich von Split dorthin komme, aber ich habe jetzt auch keine Lust mehr, mir ewig Gedanken zu machen. Ich will einfach was machen und erleben und nicht meine Zeit mit Gedanken verschwenden.
Zum Glück ist es jetzt an der Zeit, mich Richtung Bahnhof zu bewegen. Dort bin ich verwirrt. Es gibt zweimal das Gleis 4. Einmal 4.1 und einmal 4.2. Für den Zug benötige ich eine Sitzplatzreservierung. Wobei dies mehr eine Empfehlung zu sein scheint. So ist mein Platz schon belegt und wird erst nach Umsetzen frei und danach fragt mich jemand, ob der Platz neben mir frei sei. Aber ich sitze und das ist die Hauptsache.
Im Zug
Mit der Klimaanlage im Zug ist es eiskalt und ich fange an, zu frieren. Die Zugstrecke selbst geht durch abgelegene Dörfer und Landschaften, die den Balkan so perfekt darstellen, wie es nur geht.

Auf der Straße fährt ein alter Opel, der mehr schwarzen Rauch aus dem Auspuff gibt, als bei einer gescheiterten Papstwahl aus der Sixtinischen Kapelle herauskommt. Die Geschwindigkeit des Zuges hält sich in Grenzen. Die „Bahnhöfe“ der Strecke sind sehr interessant. Interessant ist auch, dass an jedem „Bahnhof“, sei er noch so klein, ein Schaffner steht und nach dem Zug Ausschau hält.

Meine Planungen für den weiteren Verlauf der Reise werden erschüttert. So bekomme ich unerwartet eine Absage für die bereits zugesicherte Stelle meiner zweiten Hälfte meines praktischen Jahres im Mai. Mein erster Rückschlag der Reise hat nichts mit der Reise zu tun. Ein herber Rückschlag ist es dennoch. Ich muss morgen erst einmal neue Bewerbungen schreiben und dann schauen wir mal, wie es weitergeht. Am Ende muss die Reise wegen Bewerbungsgesprächen noch früher enden. Was für eine Scheiße! Ich bin so aufgewühlt, dass ich es kaum schaffe, die Landschaft zu genießen oder an meine Reise überhaupt zu denken. In mir breitet sich auch eine Verzweiflung aus. So bin ich in diesem Zug ohne WLAN und kaum Empfang gefangen und machtlos. Der Gedanke an meine Freunde hilft etwas.
Der Sonnenuntergang über den rötlichen Baumspitzen spendet zumindest etwas Trost. Aber gegen halb sieben zaubern die Wolken ein Kunstwerk, das seinesgleichen sucht. Der Himmel scheint so bittersüß rot. Und dann fahren wir noch an einem See vorbei, in dem sich die Wolken so traumhaft spiegeln. Bei diesem blutorangenen Himmel vergesse ich fast die Zeit und meine Sorgen.

In der Dunkelheit kommen die Gedanken wieder. Die Frage nach dem Praktischen Jahr ist auch die Frage danach, was ich eigentlich in der Zukunft will. Am liebsten würde ich genau das hier ewig weitermachen. Das ist nur leider nicht ganz so realistisch. Und Pharmazie ist ohne Frage auch eine sinnstiftende und erfüllende Tätigkeit.
Im Zug wird es jetzt fast sogar heiß, aber der Schaffner öffnet schon die ersten Fenster und es wird eiskalt. Draußen herrscht derweil absolute Dunkelheit. Ich meine wirklich absolute Dunkelheit. Keine hellen Städte in der Ferne. Einfach nur schwarze Stille. Im Zug schaukelt es stark. An der Toilette merke ich das mit allen Sinnen. Männers setzt euch doch einfach hin…
Split
Mit knapp 30 min Verspätung komme ich in einem Vorort von Split an und mache mich auf den Weg zu meinen Liebsten. In den letzten 4 Jahren habe ich sie fast jeden Tag gesehen und fest in mein Herz geschlossen. Ich bin zwar in Kroatien. Aber es ist eine Heimkehr. Denn Heimat ist da, wo deine Freunde sind.
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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