Historic castle complex with Gothic chapel and vineyards on a hillside in autumn
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Böhmische Dörfer, Knochen und noch mehr Kirchen – Interrail Tag 22

Geschrieben vom

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Auch heute sind die Straßen Prags verregnet. Den Weg zum Bahnhof kann ich schon fast auswendig. Im Zug laufen die Tropfen des Regens die Scheibe hinunter und die tschechische Natur liegt ungestört im grauen und verregneten Nebel.

Kutná Hora

Der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Zum Glück ist ein Bus ins Stadtzentrum in meinem Ticket enthalten. Dieser Bus wird als RE in der Interrail-App angezeigt. Eine größere englischsprachige Interrail-Gruppe ist erst verwirrt, ehe sie es wagr einzusteigen. Es regnet mittlerweile nicht mehr, diesig ist es trotzdem noch. Die Straßen sind leer gefegt. Viele Schaufenster stehen leer und wirkliches Leben kann ich nicht erkennen. Eine kleine Kirche steht leer und wird renoviert, aber sonst scheint alles stillzustehen. Die 20.000 Bewohner der Stadt scheinen alle noch zu schlafen.

Historic town square with colorful buildings, outdoor seating, and a person pushing a stroller
Böhmische Dörfer

Das kleine Dorf hat eine Kathedrale. Die Kathedrale der Heiligen Barbara thront am Rand einer städtischen Klippe voller Weinreben. Im düsteren Nebel des frischen Morgens gibt die Kirche ein Bild für die Ewigkeit ab. Der Kontrast der riesigen Kirche zum kleinen Dorf ist ein Schauspiel.

Die Kirche ist gigantisch groß, erstaunlich leer von innen, wieder gotisch und dunkel. Diese große weite Leere der Kathedrale hat etwas ganz Besonderes.

Historic castle complex with Gothic chapel and vineyards on a hillside in autumn
Vernebeltes Tschechien
Wooden statue of a robed figure holding a suspended two-tiered bowl inside a cathedral with stained glass windows and vaulted ceiling
Was ist schon Gerechtigkeit?

Ich wandere ein bisschen im Regen bei 9 Grad durch die leeren Gassen des Dorfes, das natürlich wieder UNESCO-Welterbe ist und vermisse die Sonne Italiens. Mein nächstes Ziel liegt außerhalb der Stadt und ist das eigentliche Highlight der Stadt.

Gothic stone monument with ornate spires on a cobblestone street in a historic European town square surrounded by classical buildings
Welterbe in Grau

Mein Ziel liegt im Ortsteil Sedlec. Dort steht die kleine Allerheiligenkirche. Auf den ersten Blick ist sie nicht mehr als eine kleine Kirche. Trotzdem ist die Kirche europaweit bekannt. Unter ihr befindet sich das Ossarium von Sedlec. Mehr als 40.000 Knochen von über 10.000 Personen sind hier untergebracht und wurden kunstvoll drapiert. Düsterer und makaber und zugleich faszinierend.

Arched chapel interior decorated with human bones arranged in patterns
Everything dies, baby, that’s a fact
But maybe everything that dies some day comes back
Decorative arrangement of human skulls and bones forming a crest and arch in Sedlec Ossuary
Wer braucht schon Steine als Baumaterial, wenn es Knochen gibt

Sedlec hat auch noch ein Kloster, was allerdings nicht ganz so imposant ist wie der Rest der Stadt.

Gothic church exterior with tall pointed arched windows under overcast sky
Und noch eine Kirche mehr

Im Regen laufe ich zum Bahnhof und warte auf meinen Zug und auf besseres Wetter. Mein Zug kommt, der Regen bleibt. Im Ruheabteil der Bahn ist das Wort Ruhe erneut ein Fremdwort. Nachdem ich die ganze Zeit in Böhmen unterwegs war, fahre ich jetzt in die Hauptstadt der Region Mähren.

Ich habe noch immer Spaß auf dieser Reise und ich finde es schön hier, aber die feurige Flamme der Reiselust aus Italien ist nicht mehr wirklich da. Nur liegt das jetzt an der Dauer der Reise, am Land oder doch nur am Wetter? Eigentlich ist es egal, denn Spaß habe ich trotzdem noch.

Der Zug bimmelt durch die schönen bunten Wälder. Die bunten Blätter verschwinden ab und an im Dunst des mystisch grauen Nebels. Die Natur sieht wie eine einzige Märchengeschichte aus.

Brünn

In Brünn angekommen, merke ich, dass der Ort lauter als das kleine böhmische Dorf von eben ist. Brünn ist keine Metropole, aber zumindest eine Stadt. Ich wandere ein wenig durch die Stadt und lande auf dem Marktplatz. Die Stadt wirkt nicht ganz so historisch wie Prag, aber historische Ecken sehe ich trotzdem.

Historic hotel building with multiple windows beside a stone monument and parked cars
Großstadtleben

Und eine Kathedrale – die St. Peter und Paul Kathedrale – hat der Ort auch. Und natürlich ist der Dom wieder groß, dunkel und gotisch.

Gothic church with two tall spires, clock faces, and stained glass windows
Kommt mir ja fast schon etwas bekannt vor

Ich spaziere noch ein bisschen weiter durch die Stadt und finde noch die eine oder andere schöne Straße und natürlich auch noch mehr Kirchen. Die Himmelfahrtskirche sticht hierbei besonders hervor.

Baroque church altar with sculptures, columns, and religious paintings
Himmelfahrt
Bronze statue of a knight with a lance on a tall horse in a city square in front of Moravska Galerie building
Nehmt euch in acht!

Brünn hat noch eine Universität, wobei auch diese nicht besonders heraussticht. Bis jetzt ist Brünn eine nette Stadt, aber auch kein Weltwunder. Da hilft auch nicht der Trabi über dem Bunker.

Masaryk University historic building facade with statues and large trees
Die wichtigste Ressource eines jeden Landes – die Bildung

Ich finde eine kleine Kirche, die von außen komplett unspektakulär aussieht. Ich gehe trotzdem hinein. Warum, weiß ich nicht. Der Altarraum sieht gut aus. Es gibt noch einen kleinen Gang zur Seite. Am Ende des Ganges ist eine vollkommen neue Welt. Im Halbdunkel liegt der Innenraum einer der schönsten barocken Kirchen, die ich je gesehen habe. Und das Schönste ist, dass es komplett still ist und ich alleine bin. Es ist ein Zufallsfund, der mich staunen lässt.

Baroque church interior with frescoed vaulted ceilings, ornate altars, and wooden pews
Eine normale Kirche

Zum Abschied des Tages gehe ich auf einen der Hügel der Stadt und gönne mir das, was ich so sehr liebe.

City skyline with buildings, hills, and a golden sunset sky with clouds.
Frieden

In Tschechien werden die Bahnsteige für manche Züge manchmal erst kurz vorher angezeigt. Für nervöse Menschen ist das ein Problem, für mich auf meiner Reise zum Glück nicht.

Prag

In Prag merke ich, dass Samstagabend ist. Die Stadt mitsamt allen Straßen wird zur Partymetropole. Ich höre fast nur noch Englisch auf den Straßen und das Durchschnittsalter ist massiv nach unten eingebrochen. Der Duft der Stadt erinnert an den Amsterdamer. Ich laufe an einer Gruppe Briten vorbei, die fast so einen starken Akzent und Pegel haben wie die Lads aus Liverpool. Alles, was ich im betrunkenen Englisch verstehe, ist: „Yo, I just wanna get fucked up. I don’t care anymore. Just fuck.“ Die Briten sind wahrlich eine kultivierte Hochkultur. Oder wie mein Bruder sie liebevoll nennt: „Inselaffen“.

Mein Hostelzimmer ist leer. Sie sind alle draußen auf den Straßen und genießen das Leben. So kann ich in Ruhe einschlafen und werde nur ein paar Mal in der Nacht aus dem Schlaf gerissen.

Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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