Es ist kurz nach neun. Eine mäßig gefüllte Bimmelbahn hält in der bayerischen Provinz. Ein kleines Bahnhäuschen lässt kaum den Eindruck erwecken, dass dieser Ort angeblich die schönste Stadt Deutschlands sei. Es ist die Endstation. Einige wenige Menschen trudeln Richtung Innenstadt. Unter ihnen bin auch ich. Ein einsamer Sehnsuchtsbummler, der nach den Ereignissen des letzten Freitags an der Mosel ein neues Abenteuer sucht. Das Abenteuer beginnt in der schönsten Stadt Deutschlands – Rothenburg ob der Tauber.
Die Straßen um den Bahnhof sind fast leer. Eine Ampel geht nicht, aber es ist sowieso noch kein Verkehr. Es ist eine verschlafene Kleinstadt bis jetzt. Nichts Besonderes und nichts besonders Schönes. Doch dann beim Gang um die Ecke erkenne ich in der Ferne das Tor zum Abenteuer. Die Stadtmauer mitsamt Eingangstor erscheint und die Entdeckungsreise kann beginnen.

Bevor ich in die Stadt hineingehe, möchte ich sie umrunden und die Stadtmauer noch etwas genießen. Es ist totenstill an diesem Montagmorgen. Vereinzelt ein paar Gassigänger und sonst nichts. Außer einer majestätischen Stadtmauer, umzingelt vom Grün der Natur. Die nassgrünen Bäume und Gräser bringen ein ganz besonderes Erlebnis mit sich. Da vergesse ich glatt die einzelnen Tropfen des Nieselregens.

Über tiefe Schluchten und große Wälder geht mein Weg dann in die Stadt hinein. Aber kann ich wirklich Stadt sagen? Mit all der Ruhe und der Gelassenheit. Den großen Gärten, Hinterhöfen und den einzigartigen Häusern wirkt Rothenburg dann doch irgendwie wie ein Dorf auf mich und nicht wie eine Stadt oder wie eine Touristenhochburg.

Das Außergewöhnliche an diesem Dorf ist dann aber vielleicht doch die Tatsache, dass das Dorf eine Stadtmauer hat. Für die meisten Dörfer ist dies dann doch eher untypisch. Das Schöne ist, dass ich die Stadtmauer fast für mich alleine habe. Der Gang ist eng und ich muss keine Angst haben, dass ich ständig anderen Menschen, die mir entgegenkommen, Platz machen muss. Aber auch zu dieser frühen Uhrzeit findet man andere Menschen, die diese Ruhe ausnutzen wollen. Ruhe beschreibt den Anblick über die dörflichen Dächer Rothenburgs schön.

Am Klingentor geht es abwärts für mich. Ich verlasse die luftige Höhe der Stadtmauer und kann nun vom Boden aus eines der vielen Tore der Rothenburger Stadtmauer genießen. Die Zeit ist zwar vorangeschritten, aber ich habe immer noch die Ruhe um mich herum. Hinter dem Tor befindet sich die Kirche St. Wolfgang, die sich so perfekt wie es nur geht in das mittelalterliche Stadtbild anschmiegt.

Beim Blick durch das Tor in das Stadtzentrum merke ich dann, dass Rothenburg vielleicht doch eine Stadt und kein Dorf mehr ist. Aber so ist alles, was ich sehe: eine ruhige und leergefegte Straße in einer so schönen Stadt.

Aber ich entscheide mich dagegen, weiter in die Stadt hineinzugehen, und möchte lieber noch etwas an der Stadtmauer entlanglaufen. Auf dem Weg zum Strafturm erlebt das ruhige Rothenburg wieder seine Metamorphose zum Dorf. In der kleinen Gasse neben der Stadtmauer finden sich dann aber doch auch immer wieder kleine Öffnungen zur Außenwelt. Beim Durchschreiten dieser Tore kommt man in eine andere Welt. Raus aus dem Dorf in die schöne Idylle der bayerischen Natur. Die nassgrüne Natur schafft es, eine noch größere Ruhe auszustrahlen, als es dieser Ort ohnehin schon tut.

Wie es sich für eine bayerische mittelalterliche Stadt gehört, hat Rothenburg ob der Tauber auch ein Kloster. Und auch das Kloster mitsamt Klostergarten ist zu dieser frühen Stunde noch menschenleer und eine Oase der Ruhe und Gelassenheit.

Nach der klösterlichen Ruhe ist es dann endlich so weit Ich wage mich voller Entdeckerlust und Wagemut in das Stadtzentrum. Vorbei an Schildern mit der guten Aufschrift „good german wine“ und (vermutlich dasselbe) auf Japanisch. Rothenburg steht, was das angeht, auf der gleichen Stelle wie unsere andere Touristenhochburg Heidelberg. Die St.-Jakobs-Kirche besichtige ich dann aber nur von außen. Die Armut der Kirche muss ich dann nicht auch noch finanzieren. Das gotische Bauwerk ist aber auch von außen imposant. Auch wenn mir hier doch zu viele Menschen sind. Und dabei sind noch nicht mal viele Menschen hier.

Der Marktplatz und das Herz einer jeden Stadt sind zum Glück auch noch nicht ganz überfüllt, aber die ersten Anzeichen der massentouristischen Wellen erreichen bereits das Ufer. Mein Aufenthalt im Stadtzentrum ist nicht zu kurz, aber er ist auch definitiv nicht zu lang. Die Schönheit des Ortes kann ich so trotzdem erfassen und genießen.


Der Gang entlang der wunderschönen Herrngasse ist zum Glück wieder etwas einsamer. So kann ich die unfassbare Schönheit der Stadt dann noch einen Ticken mehr genießen. Und dabei kann eine meiner Thesen, die ich auf meinen Reisen aufstellen konnte, bestätigt werden. US-amerikanische Touristen sind einfach die witzigsten Touristen. Und damit meine ich explizit die etwas älteren Mittfünfziger. Sie sind einfach pures Comedy-Gold. Mangelware sind sie in Rothenburg übrigens nicht.
Die alte Burg ist wieder etwas abseits gelegen und so auch etwas ruhiger als das Zentrum. Neben der Ruhe werde ich aber vor allem mit einer fantastischen Aussicht auf den Rest Rothenburgs und die bayerische Natur belohnt. Das Burgtor verkommt dabei fast zu einer Nebensächlichkeit.


Es geht dann für mich weiter in eines der bekanntesten und – laut eigener Angabe – eines der besten und sehenswertesten Museen Deutschlands. Das mittelalterliche Kriminalmuseum. Oder auch bekannt als das Foltermuseum. Wobei es nicht nur um Folter geht. Die nimmt aber auch keinen kleinen Teil im Museum an. Sehenswert ist das Museum aber definitiv.

Dann geht es für mich weiter zum Highlight Rothenburgs – zumindest wenn man der ganzen Instagram-Fotos trauen mag. Bei der Anzahl von Menschen und der Anzahl an Kameras, die ich hier sehe, kann man den ganzen Instagram-Bildern wohl trauen. Das Plönlein ist wirklich ein großer Anziehungspunkt. Aber auch definitiv zurecht, denn schön ist das Viertel ohne Frage.

Und während die Menschenmassen jetzt nach und nach den Marktplatz und den Rest der Stadt fluten, ziehe ich mich zurück und bewahre mein Bild vom schönsten Dorf Deutschlands.

Die Reise erfolgte im Juli 2022

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