„Was willst du denn bei den Inselaffen?“, so mein Bruder, nachdem ich ihm voller Stolz erzähle, dass meine nächste Reise nach England geht. Mein Bruder hält nicht viel von den Briten. Ich dafür umso mehr! Ich liebe die britischen Inseln. Ich liebe alles an den Inseln: die Natur, die Menschen, die Städte, die Unis, die Sprache, die Kultur und ja, selbst die Kulinarik! Über das Essen können wir aber gerne an der ein oder anderen Stelle streiten, das Trinken ist dafür umso besser! Und ja, ich rede von den Britischen Inseln. Irland ist elysisch, Schottland traumschön und auch mein Aufenthalt in London war eine wundervolle Wissensballung. Ich war zwar noch nicht in Wales, aber selbst das würde ich wahrscheinlich lieben. Auf den ersten Blick erscheint es etwas widersprüchlich, dass ich Irland und England gleichermaßen liebe, aber – selbst wenn man es auf den Inseln auf gar KEINEN Fall sagen darf – so sind die Britischen Inseln doch ähnlicher, als man denkt und es den Briten lieb ist. Es klingt wirklich nicht logisch, aber es stimmt. Denn egal, wo ich auf den Britischen Inseln auch war, es hat sich immer wie Heimat angefühlt. Ich bin Brite durch und durch. Das führt innerhalb meiner Familie aber auch zu gewissen Problemen. Meinen Bruder hatte ich bereits angedeutet, und als ich 2021 beim EM-Achtelfinale mit einer Englandflagge jubelte, erklärte mich meine Familie wohl zur (kulturellen) Persona non grata. Aber Heimat ist, wo Liebe ist – und die ist auf diesen Inseln.
Zwischen meinem siebten und achten Semester hatte ich exakt 5 Tage frei. Die Entscheidung, wohin ich fahre, war sehr leicht – es war Zeit für einen Besuch in der Heimat. Außerdem wollte ich schon immer eine Interrail-Reise machen, also los geht’s! Wobei es sich streng genommen nicht ganz um eine Interrail-Reise gehandelt hat. Die Anreise nach London-Stansted, which is located nowhere near London, erfolgte per Flugzeug. Es ist übrigens das erste Mal, dass ich vollkommen alleine über mehrere Tage verreise. Bedenken habe ich keine. Ich habe schon Dutzende Städtetrips alleine gemacht. Ehrlicherweise freue ich mich richtig darauf, so ganz alleine unterwegs zu sein.
Während wir im März 2022 noch über einen Freedom-Day in Deutschland streiten, ist Corona im UK bereits lange passé. Menschen ohne Masken im Zug, das eigentlich Normale, fühlt sich irgendwie komisch und falsch an. Aber auch meine Maske wird im Laufe der Zeit fallen und die einfache und bequeme Normalität wird für 5 Tage wieder in meinen Alltag einziehen.
Das erste Ziel heißt Cambridge. Ich habe hier schon so oft angedeutet, wie sehr ich britische Universitäten liebe. Diese Liebe lässt sich kaum in Worte fassen! Cambridge war immer ein Sehnsuchtsort für mich, es ist ja quasi der heilige Gral der britischen Universitäten. Den Ort, wo einst Newton, Hawking und Darwin wirkten, zu besuchen, war immer ein großer Traum von mir. Und jetzt stehe ich hier. Ich laufe aus dem Bahnhof und spüre direkt die Liebe, die Heimat und das Glück. Es ist einfach schön. Selbst als ich nach 3 Schritten fast angefahren werde – den Linksverkehr hatte ich fast vergessen!
Ich laufe natürlich direkt zur Universität. Auf dem Weg dorthin begrüßt mich eine schöne anglikanische Kirche. Gottes Beistand direkt zu Beginn kann ja nie schaden.

So wie Stuttgart oder Karlsruhe ist Cambridge gefühlt auch eine ewige Baustelle. Gefühlt ist jeder zweite Zentimeter dieser Stadt eine Baustelle. Aber das Schöne soll ja schließlich auch bestens konserviert werden. Die Straßen, die frei vom Lärm und Staub der Baustellen sind, sind dafür umso schöner. Selbst die langweiligsten Straßen ziehen mich hier irgendwie in ihren Bann. Ich könnte stundenlang einfach nur durch die Gassen flanieren und dabei habe ich das Zentrum der Schönheit – die Mutter der Bildung – noch gar nicht erreicht!

Das Wetter ist übrigens eher britisch. Grau, grau und nochmals grau Dafür regnet es (noch) nicht. Das Feuer der Freude meines Herzens würde aber auch ein noch so schlechtes Wetter verdrängen. Mittlerweile habe ich es auch ans Ziel geschafft. Gut, in so einer Universitätsstadt ist gefühlt fast alles Universität, aber ich bin jetzt zumindest am Zentrum der Macht angelangt. Dort sehe ich auch die berühmte Mathematical Bridge. Der innere Nerd in mir ist im Himmel!

Die Universität selbst ist von zahlreichen Kanälen und Parks umzingelt. Wäre das Wetter nicht so britisch, könnte man fast denken, man sei in Venedig. Das Wasser und das Grün in Verbindung zur historischen Universität mit all ihrem Wissen und all ihrer Macht sind einfach wunderschön. Hier gehört zusammen, was zusammengehört! Wissen ist immer schön, aber Wissen in einer schönen Umgebung ist umso schöner!

Die gelben Narzissen versüßen die Pfade des Glückes und der Weisheit. Die Schritte des Weges fühlen sich so leicht und so frei an.

Und dann kommt auch schon wieder eine Brücke und ich verlasse den Grüngürtel und tauche in das Herz der Stadt ein und zum Zentrum der Freiheit.


But first, you must learn how to smile as you kill
If you want to be like the folks on The Hill
A working-class hero is something to be
Die Universität selbst ist recht verwinkelt. Zahlreiche kleine Gassen bestimmen das Stadtbild. Jede Gasse hat ihren eigenen Charme. Für mich ist diese Vielfalt, die doch in sich eine Einheit bildet, etwas Wundervolles. Es sind nur kleine Gassen und trotzdem sind sie einzigartig in meinen Augen.

Das graue Wetter und die alte Universität erwecken in mir eine fast mystische und düstere Stimmung. Diese dunkle Stimmung ist aber vollkommen beruhigend. Unheimlich ist es nicht. Das Düstere fühlt sich irgendwie warm an. Die gotisch-düsteren Universitäten habe ich aber auch spätestens im Trinity College in Dublin in mein Herz geschlossen.

In den Weiten des Campus‘ verliert sich meine Seele im Glück. Die Bilder sehen so pessimistisch aus und doch macht mich dieser Ort so optimistisch. Vielleicht liegt es nicht nur am Ort, sondern auch an den jungen und offenen Menschen hier. Die Tatsache, dass es eine Studentenstadt ist, erkennt man auch daran, dass hier mehr Fahrräder fahren als in ganz Deutschland zusammen.

Gegen Mittag endet meine Zeit im Paradies und die nächste Zugfahrt beginnt. Die 4 Stunden im Zug sind nichts im Vergleich zu der Reise nach Minsk. Die Züge sind bis jetzt übrigens alle pünktlich! Aus dem Fenster heraus kann ich die wundervollen, verregneten Midlands genießen und einfach meine Seele baumeln lassen.

Nach 4 Stunden habe ich Manchester erreicht. Das Herz der Industrialisierung und das Herz von Oasis. Normalerweise habe ich immer irgendwelche Erwartungen, Assoziationen oder Erfahrungen an einen Ort, den ich besuche. Für Manchester habe ich keine Erwartung, kein besonderes Besuchsziel und keine Vorstellung, was das für ein Besuch werden wird. Ich lasse mich einfach inspirieren und treiben.

Da ich ja schließlich irgendwo hinlaufen muss, orientiere ich mich einfach Richtung Stadtmitte. Irgendwie werde ich dort schon ankommen und es wird sich bestimmt lohnen. Obwohl Manchester eine Großstadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern ist, so fühlt sich die Stadt ganz ruhig und auf gar keinen Fall hektisch an. Typisch britisch eben! Der Regen hat übrigens kurz bevor ich ankam aufgehört. Die Reflexionen der funkelnden Lichter der Großstadt in den Überresten des Regens verleihen der Stadt einen ganz zauberhaften Flair. Natürlich zieht es mich in der unbekannten Stadt direkt zu einer Bibliothek.
Der morgige St. Patrick’s Day wird durch einen Regenbogen passend angekündigt. Gold habe ich zwar keins gefunden. Der schöne abendliche Himmel ist aber auch mehr wert als ein Topf Gold. Wir sind nämlich schon zu etwas späterer Stunde unterwegs. Die Sonne neigt sich ihrem Ende zu und der Himmel erstrahlt in traumhaft schönen güldenen und violetten Farben.


Ich ziehe weiter planlos – auf die positive Art und Weise! – durch die Stadt und genieße einfach den Abend. Irgendwann bin ich bei meinem Hostel und der Zauber des bunten Himmels ist in der Dunkelheit verstummt.

Go and tell it to the man who lives in hell
Some might say you get what you’ve been given
If you don’t get yours I won’t get mine as well

Where nobody knows if it’s night or day
Please don’t put your life in the hands
Of a rock ’n‘ roll band
Who’ll throw it all away

We’re fading away
Just try not to worry
You’ll see us someday
Just take what you need
And be on your way
And stop crying your heart out

You’re gonna be the one that saves me
And after all
You’re my wonderwall

She knows it’s too late as she’s walking on by
My soul slides away
But don’t look back in anger, I heard you say
Die Reise erfolgte im März 2022

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