Johanna Sind wir eigentlich auf der richtigen Fähre?
Deniz Gute Frage. Max, frag doch mal nach.
Max Ne, das wird schon passen. Der hat ja unsere Tickets gesehen.
Deniz Der Typ hat doch kaum drauf geschaut....
Johanna Ja, frag doch einfach nochmal.
Max Das wird schon stimmen.
Deniz Maximilian!
Max Deniz, du weißt doch, dass ich introvertiert bin!
Deniz Das ist aber keine Ausrede!
Max DOCH!
Johanna Jetzt frag doch einfach...
Max [Schweigen]
Johanna Dann sieh es als Übung an!
Max [Schweigen]
Deniz Ich werde noch wahnsinnig mit dir....
[Es folgen 5 Minuten einer hitzigen Diskussion]
[Deniz fragt schließlich nach]
Deniz Ehm ja, wir sind auf der falschen Fähre!
[Rennen. Rennen und nochmals Rennen.]
Unsere Protagonisten schaffen es buchstäblich im letzten Moment noch auf die Fähre zur richtigen Insel, die eigentlich schon losgefahren war (es lebe die Hilfsbereitschaft der Iren). Es folgen stundenlange Vorträge über das Wesen der Introvertiertheit und wütende Ekstasen seitens der Extrovertiertheit. Und am Ende ist das, was bleibt, eine ewige Schmach und eine sehr witzige Geschichte.
So (oder so ähnlich, Deniz bezweifelt, dass er sich so freundlich ausgedrückt hat) beginnt der zweite Tag in Galway. Aber wie kam es eigentlich zu diesem Desaster? Das ist recht einfach. In der Nähe von Galway befinden sich die drei idyllischen Aran-Inseln. Um dorthin zu gelangen, fährt man mit einem Bus von Galway zu einem Hafen in der Nähe. Auf der Busfahrt zum Hafen merken wir übrigens deutlich, warum in Irland die Zahl der Verkehrsunfälle so hoch ist. Nach dem Adrenalin-Kick einer „Busfahrt“ steigen Reisende auf eine von zwei Fähren. Eine fährt zur großen Insel Inis Mór. Die zweite Fähre fährt nach Inis Meáin und zur kleinsten Insel Inis Oírr. Wir wollen auf die kleinste Insel. Das schaffen wir auch. Nicht ganz einfach, aber wir sind dann immerhin auf dem richtigen Schiff.
Nach der ganzen Aufregung kann ich mich immerhin durch die raue Irische See ablenken lassen. Seefest sollte man für diese Überfahrt sein. Aber die wild wiegenden Wellen in der Kombination mit rauer Seeluft und freiheitsliebenden Windböen sind ein überwältigendes Gefühl. Auf dem Deck sich fortzubewegen ist umso schwieriger. Der Blick von Bord auf das noch leicht verschleierte Meer ist dafür umso schöner.

Die am meisten gesprochene Sprache auf der Insel ist Gälisch. Zum Glück können Besucher sich aber auch auf Englisch verständigen. Während meines Schüleraustausches in der großen irischen Metropole namens Schull – mit den 700 Einwohnern war es wirklich die „Metropole“ der Region – hatte ich zwar auch Unterrichtsstunden in Gälisch, aber da habe ich nur eine Sache gelernt. Und zwar, dass niemand in dieser 10. Klasse verstanden hat, warum sie oder er das jetzt wirklich lernen muss. Auf diesen kleinen Inseln wird die irische Tradition aber auf stolze Weise fortgeführt.
Inis Oírr ist nicht besonders groß, dafür umso schöner. Die Insel ist so prädestiniert für eine Fahrradtour wie eine Insel, das nur sein kann. Achso und natürlich ist das Wetter – wie die letzten Tage bereits – einfach nur traumhaft. Bei 20 Grad und Sonnenschein kann der Tag eigentlich nur perfekt werden. Einen kleinen Nachteil hat die Insel aber doch. Sie ist nicht ganz ebenerdig und wer nicht so oft mit dem Fahrrad unterwegs ist – so wie ich -, hätte sich vielleicht doch für das E-Bike entscheiden sollen. Sei’s drum, Schieben hat auch etwas Kontemplatives. So kann ich die Idylle besser genießen. Außerdem muss ich ja auch noch die ganzen Fotos machen.

Obwohl die Insel klein ist, hat sie einige Highlights. Die bekannteste Bewohnerin der Insel ist Plassy. Mit Plassy ist der irische Frachter MV Plassy gemeint, der 1960 hier aufgelaufen ist und seitdem die sensationelle Küste der Insel bereichert. Wir können sogar in das Wrack hineinklettern und dort begutachten, wie das Grün der Natur versucht, eine Symbiose mit der rostenden Technik der Menschheit zu errichten.

Aber auch unabhängig von der Plassy ist der rustikale Steinstrand an der rauen Irischen See einen Besuch wert. Ich liebe dieses Gefühl, sich an solchen Orten auf einen großen Stein zu setzen, den Wind in den Haaren zu spüren und mit den Augen einfach die große, schier unendliche Weite zu genießen. Von all den irischen Orten, die ich die letzten Tage besucht habe, ist das der Ruhigste. Und so bin auch ich hier der ruhigste. Nach all den turbulenten Tagen und der hektischen Hinfahrt tut diese Stille gut. Manchmal ist der Sound of Silence der süßeste Klang.
Vom Strand können Besucher sogar bei gutem Wetter – so wie heute – die weltbekannten Cliffs of Moher erkennen. Wobei Erkennen auch ein sehr weites Feld ist…

And no one dared
Disturb the sound of silence
Dass eine Insel mitten in der Irischen See natürlich auch einen Leuchtturm hat, muss ich wahrscheinlich gar nicht mehr erwähnen.

When tears are in your eyes
I will ease your mind
Like a lighthouse in troubled water

Mein persönliches Highlight der Insel ist allerdings eine Kleinigkeit, die so groß ist, dass es keine Kleinigkeit mehr ist. Klingt verwirrend, ist es aber nicht. Gemeint sind ganz viele kleine Steinmauern, die wirklich die komplette Insel überziehen. Gefühlt sind die ganzen kleinen Mauern in Summe hier länger als die komplette Chinesische Mauer. Schöner sind sie aber definitiv um ein Vielfaches.



Ich bin jetzt kein Dorfkind, aber ich hatte zumindest eine noch ausreichend ländliche Kindheit, um mal eine Kuh gestreichelt zu haben. Meine beiden – ach so extrovertierten Reisebegleitungen – haben dies allerdings noch nie geschafft. Wenn wir Deutschen an Irland denken, dann denken viele zuerst an grüne Wiesen und lächelnde Kühe – danke Kerrygold! Aber ja, so sieht Irland tatsächlich aus. Ich durfte die Region Kerry schon lieben lernen. Aber auch auf den Aran-Inseln gibt es natürlich glückliche Kühe! Und so können die zwei eine weitere Sache von ihrer Bucketlist streichen.

Nach dieser Streicheleinheit endet unsere Tour auch schon fast. Natürlich hat selbst eine so kleine Insel einen Pub, wo wir uns stärken können. Die eigentliche Stärkung und Erholung finden wir aber am Strand. 22 Grad und strahlende Sonne. Wasser so klar, blau und funkelnd wie die Augen deiner ersten großen Liebe. Ich kann gar nicht anders, als mich hier an den Strand zu legen und das Leben zu genießen. Ich habe es schon mal geschrieben, aber die Kraft der Erholung, die von dieser Insel ausgeht, ist unbeschreiblich.


Und dann endet auch schon das kurze gälische Intermezzo des Urlaubs. Diesmal auch gleich auf der richtigen Fähre.

Die Reise erfolgte im September 2021

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