Historic brick theatre building with symmetrical flowerbeds and trees on grassy lawn
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Bayreuth: Die Wagner Stadt

Geschrieben vom

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Teil I – September 2020: Städtetrip nach Bayreuth

Nass und grau. Die letzten Stunden hat es nur geregnet. Aber in dem Moment, in dem wir die Füße aus dem Auto setzen, hört es auf zu regnen. Das erste Ziel ist die Eremitage in Bayreuth. Den Anfang macht der Kanalgarten. Ein großer Garten mit viel Grün, Bäumen und Wasser. Aber es ist kein freier Garten. Er ist symmetrisch und durchgeplant – so wie es für den Barock typisch ist. Durch lange grüne Gänge kann ich endlos geradeaus laufen, aber eben nur geradeaus. Ich befinde mich zwar in der Natur, aber die Freiheit fehlt noch.

A gravel path lined with trees forming a natural green tunnel on both sides
Die endlosen Gänge im Kanalgarten

Es geht weiter zum Neuen Schloss in der Eremitage. Zahlreiche Säulen und goldene Statuen untermauern den monumentalen Charakter des Gebäudes und die Zuspitzung des Prunks. Es ist schön anzusehen, aber die nähere Umgebung besteht ausschließlich aus Wald. Es fühlt sich falsch und deplatziert an. Es ist ein starker Kontrast, auf den die ganze Stadt noch aufbauen wird.

Historic ornate pavilion with columns and golden statues undergoing maintenance with workers on a cherry picker
Das neue Schloss in der Eremitage

So wie es sich für den Barock gehört, gibt es zahlreiche Brunnen und Statuen im künstlichen See. Das vergrünte Wasser verstärkt den Kontrast. Das Beeindruckende an dem Schloss ist der Blick auf das genaue Detail. Die Säulen bestehen aus zahlreichen kleinen bunten Steinen, die mosaikartig dem Himmel emporsteigen. Es ist ein kleines Kunstwerk und eine Leistung, die unzählige Arbeitsstunden beinhaltete. Das Spiel mit den vielen bunten Steinen ist ein absolut sehenswerter und wunderschöner Anblick und zaubert mir ein kleines Lächeln auf die Lippen.

Ornate historic palace with golden accents and green pond in courtyard
Grüne Freude
Curved colonnade with mosaic-covered columns and golden busts
Liebe zum Detail

Es geht weiter zum Alten Schloss, das weniger prunkvoll ist. Den Barock erkenne ich aber auch hier. Der Garten ist groß und mit vielen schönen Blumen verschönert, aber das Symmetrische stört die Schönheit der Freiheit.

Historic stone building with red roof and symmetrical garden paths
Das Alte Schloss

Das viel Schönere an diesem Ort ist die Aussicht in die Umgebung. Die Schlösser sind auf einem kleineren Hügel gelegen. Beim Blick in die Ferne kommt die Romantik der Stadt so langsam zum Vorschein.

Symmetrical garden path flanked by trimmed hedges and trees with a central water canal
Der Blick in die Ferne

Die Eremitage ist von viel Wald umgeben. Und durch mittlerweile strömenden Regen laufen wir durch die Stille des Waldes. Das Areal ist unglaublich weitläufig. Mitten im Wald kommt die untere Grotte zum Vorschein. Die Natur hat diese Stelle übernommen. Der barocke Bau wird in den Hintergrund verdrängt und es wirkt eher wie ein zutiefst romantischer Bau. Die Verbindung zwischen dem Vergangenen und der Natur ist ein herzerwärmender Anblick.

Stone fountain with sculpted figures in a rectangular garden pool beside a decorative grotto structure and dense trees
Die untere Grotte im Umfeld der Natur

Nach einiger Zeit und zahlreichen zurückgelegten Metern im Wald verlassen wir schließlich die Eremitage. Es geht weiter zu meinem persönlichen Höhepunkt der Reise.

Man muss als Disclaimer vielleicht dazu sagen, dass ich ein großer Verehrer der Musik Richard Wagners bin. Die folgenden Eindrücke sind daher noch subjektiver, als sie es ohnehin schon sind.

Der Grüne Hügel ist ein märchenhaftes Paradies. Der romantische Bau und die bunten Blumen und der Gedanke an die herrliche Musik, die dort gespielt wird, machen den Ort perfekt. Nach der starren Symmetrie wird hier die Seele befreit.

Historic brick theatre building with symmetrical flowerbeds and trees on grassy lawn
Der Grüne Hügel

Beim Besichtigen des Areals wächst die große Sehnsucht, eines Tages hier auch als Gast zu sitzen. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Dieser Ort hatte auch schon wesentlich düstere Tage gesehen, aber das ist mir in diesem Moment egal. Manchmal muss man die Dinge genießen, ohne sich dabei zu viele Gedanken zu machen. Hier ist es traumhaft und das genieße ich!

Es geht weiter in die Bayreuther Innenstadt. Wir befinden uns wieder im Zentrum des Barocks. Das Ambiente ist monumental, imposant und nahezu erschlagend. Die Atmosphäre der Stadt ist durch die hellen Sandsteine geprägt.

Stone fountain with a statue of a man holding a raised arm surrounded by water-spouting horses
Ein Symbolbild für Bayreuth

Jetzt geht es zum Markgräflichen Opernhaus, welches UNESCO-Welterbe ist. Von außen scheint es gar nicht so imposant. Das ändert sich aber, sobald ich das Gebäude betrete.

Historic sandstone building with columns, statues on roof, and tourists outside
Das Markgräfliche Opernhaus

Der Innenraum ist wahnsinnig pompös. Diese Abgehobenheit lässt sich schwer in Worte fassen. Kunstvolle Gemälde und Verzierungen stehen im Mittelpunkt. Es geht hier nicht um die Musik, hier geht es um den Prunk. Es ist leicht zu verstehen, warum Wagner hier nicht gerne spielte. Ihm ging es um seine Musik und was sie mit dem Menschen macht. In diesem Opernhaus geht es nicht darum, hier geht es um Prunk und die damit verbundene Darstellung von Macht. Das Opernhaus ist eine architektonische und künstlerische Meisterleistung und zu Recht Welterbe. Aber es ist ein Opernhaus, hier geht es um musikalische Meisterleistungen. Im Festspielhaus sitzt man zwar auf Holzbänken, dafür kann man eine weltberühmte Akustik erleben.

Ornate Baroque theater interior with multiple crystal-lit balconies and a painted ceiling
Geht es hier noch um Musik?

Das Opernhaus gibt es übrigens nur dank Wilhelmine von Preußen. Die Lieblingsschwester des preußischen Königs Friedrich II. wurde mit dem Bayreuther Fürsten verheiratet. Da sie Preußen aber ungern verlassen wollte, bekam sie von ihrem Bruder und ihrem Ehemann als quasi Wiedergutmachung dieses Opernhaus geschenkt, dessen künstlerische Leiterin sie war.

Und so geht mein Weg jetzt weiter durch Bayreuth. Die ganze Altstadt ist im barocken monumentalen Charme. Sie strahlt eine beschwerende Aura aus.

Historic palace with ornate fountain in a large cobblestone courtyard under cloudy sky
Monumente der Imposanz – das neue Schloss
Cobblestone street with historic buildings and a few people cycling and walking
Barockes Stadtbild

Diese erdrückende Imposanz, die einen ganz eigenen Charme hat, wird schlussendlich befreit. Denn hinter dem Neuen Schloss beginnt ein traumhaftes Paradies – der Hofgarten. Das viele Grün lässt die Freiheit wieder einziehen und erweckt die Sehnsucht zu neuem Leben. Mein Herz geht wieder auf. Der Park strahlt eine so wunderschöne Leichtigkeit aus, dass die vorherige Schwere verfliegt.

Calm canal water reflecting tall green trees along its banks in a park
Jede Freude füllt, jeder Schmerz leert dich, aber in jener hat noch Sehnsucht Platz, in diesem noch Zuversicht – Jean Paul

Am Ende des Parks findet sich der Weg zum endgültigen Paradies. Das Festspielhaus hat mich befreit, aber die Erlösung findet sich hier. Hier steht das Haus Wahnfried. Das ehemalige Wohnhaus Wagners ist jetzt ein Museum. In dem Haus findet sich der Weg zur Erlösung.

Historic stone building with intricate facade and bronze bust statue surrounded by flowers
Das Haus Wahnfried

Im Haus kann man das Leben Wagners auf interessante Art und Weise nachempfinden. Es gibt zahlreiche spannende Exponate und auch die Innenräume an sich sind schön gestaltet. Und ich mag es kaum glauben, neben dem privaten Flügel von Wagner zu stehen.

Grand piano in historic library with bookshelves, portraits, and upholstered seating
Die Innenräume und Wagners Flügel

Im oberen Geschoss befinden sich einige Exponate aus der Festspielgeschichte. Dort findet sich auch der Heilige Gral der Uraufführung des Parsifal. Die Gralssuche ist seitdem ich meinen Lieblingsfilm (Indiana Jones und der letzte Kreuzzug*) gesehen habe, mein kleines Hobby. Die Suche scheint fast am Ende zu sein. Wäre es nur der echte Gral und kein Exponat. So nah wie jetzt war ich dem Gral aber noch nie. Der Heilige Gral steht symbolisch für die Erlösung. Die Erlösung erlebe ich im Keller. Dort gibt es einen Raum, wo ich die göttliche und transzendente Musik Wagners in höchster Perfektion genießen kann.  „f-h-dis1-a1“ – die schönste musikalische Definition von Sehnsucht, die die Romantik jemals erschaffen hat: Der Tristan-Akkord. Diese vier Noten strahlen eine so bittersüße Sehnsucht aus, das lässt sich gar nicht in Worte fassen. Das muss man hören, besser fühlen! Neben der Sehnsucht, der schönsten aller Gefühle, die mein Herz einnimmt, kommt auch die Erlösung ins Spiel. Das Gralsmotiv der traumhaften Parsifal-Ouvertüre durchklingt etwas später die Luft. Es liegt eine Mystik in der Luft. Die Suche nach dem Heiligen Gral ist nicht die Suche nach der Erlösung, sondern die Suche nach einem selbst. In diesem Keller dieser ambivalenten, aber wunderschönen Stadt findet man die Ergebnisse der Suche.

Medieval chalice with red cup and decorated gold stem under glass dome
Nosce te ipsum

Teil II – Juli 2025: Die Bayreuther Festspiele

Vor fünf Jahren habe ich mir geschworen, dass ich diesen Ort wieder betreten werde. Dieser Ort ist kein geringerer als der Grüne Hügel in Bayreuth. Eines Tages werde ich hier stehen und zwar dann, wenn die legendären Bayreuther Festspiele sind und ich den Großmeister Richard Wagner in der bestmöglichen Akustik hören werde. Fünf Jahre später und jetzt stehe ich hier. Am Premierenwochenende der Bayreuther Festspiele. Gestern eröffnete die Prominenz Bayreuth und heute eröffnet meine Lieblingsoper Richard Wagners mein Herz. Das Rheingold steht an. Wie ich mich freue! Eine Erhabenheit und göttliche Kraft liegt in der Luft. Die Bayreuther Aura ist einzigartig. Die Festspiele sind eine Institution für sich, die Wagnerianer, die sie besuchen, erst recht. Es gibt zwei Arten von Besuchern auf den Bayreuther Festspielen. Zum einen gibt es die Fraktion der Hardcore-Wagnerianer, die für atemberaubende Musik kommen. Zum anderen gibt es die Fraktion der elitären Selbstdarstellung und des ultimativen Statussymbols. Du kannst raten, welcher Gruppe ich zugehöre. Ironischerweise wollte Wagner das Opernhaus bauen, um sich ganz der Musik widmen zu können, da es im markgräflichen Opernhaus der Stadt ihm zu viel Schnickschnack und arrogante Selbstdarstellung gab. Schick sind hier zwar nur die Kleider und nicht das Interieur, die Selbstdarstellung ist geblieben. Ein Besuch der Bayreuther Festspiele gehört in der High Society fast zum guten Ton. Der Ton ist hier aber auch wirklich gut! Früher war Bayreuth daher auch nur für die elitären Zirkel vorbehalten. Der Pöbel hatte nahezu keine Chance, diese Schönheit zu erleben. Böse Zungen würden jetzt behaupten, dass dank organisatorischer und zum Teil auch künstlerischer Misswirtschaft der vergangenen Jahre die Ticketnachfrage so zurückgegangen ist, dass auch Akademiker mit 1er Abschluss aus dem nicht-elitären Umfeld Einlass erhalten.

Historic theater building with visitors outside and decorative flower design and small golden statues on grass
Der berühmte grüne Hügel

Nun aber zu dem, warum ich heute hier bin. Die Musik. Ich liebe die Oper und ganz besonders die Musik Richard Wagners. Ich war schon in vielen Opernhäusern und in Dutzenden Aufführungen. Von Frankfurt bis an die New Yorker MET. Aber noch nie war ich in einem Opernhaus, das extra für einen Komponisten vom Komponisten für seine Musik gebaut wurde. Die Akustik ist einzigartig. Sie lässt sich nicht in Wörtern beschreiben und genau das macht sie so magisch. Die Musik wirkt gedämpft und mystisch. Das passt perfekt zum schleiherhaften Vorspiel. Die Musik schwebt wie der Nebel über dem Rhein. Die Musik fließt sanft durch den ganzen Abend, während die Sängerinnen und Sänger präsent sind, ohne dabei zu sehr im Mittelpunkt zu stehen. Das Gesamtkunstwerk ist eine himmlische Harmonie. Genau das wollte Wagner und genau das hat er geschafft. Alles hängt zusammen und alles ist unfassbar schön. Ob es die 200 Euro wert war? Wahrscheinlich finanziell nicht, aber emotional für mich auf jeden Fall. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich bin erschreckt, als ich die Worte „Schwüles Gedünst schwebt in der Luft; lästig ist mir der trübe Druck!“ höre. Sie leiten das Finale der Oper ein. Die letzten 12 Minuten des Rheingolds sind mein absolutes Lieblingsstück klassischer Musik und mein meistgeklicktes Youtube Video. Sie sind vollkommene musikalische Perfektion, elysische Transzendenz und häufige Inspiration beim Schreiben meiner Reiseberichte. Und so endet 12 Minuten später mein kleiner Lebenstraum in donnerndem Applaus.

Audience gathering in an ornate theater with a closed stage curtain
Abendlich strahlt der Sonne Auge;
in prächtiger Glut prangt glänzend die Burg.
In des Morgens Scheine mutig erschimmernd,
lag sie herrenlos, hehr verlockend vor mir.
Von Morgen bis Abend, in Müh‘ und Angst,
nicht wonnig ward sie gewonnen!
Es naht die Nacht: vor ihrem Neid
biete sie Bergung nun.
So grüss‘ ich die Burg,
sicher vor Bang‘ und Grau’n!
Folge mir, Frau:
in Walhall wohne mit mir!

Die Reise erfolgte im Juli 2022

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