Kurz nach eins. Auf einer großen Couch steht ein Gefäß aus Aluminium mit Pappdeckel. Es dampft. Das Zimmer besteht aus großen roten Vorhängen und einem roten Teppich. Die Möbel sind überdimensioniert groß und sind aus den 80ern. Das Zimmer sieht aus, als wäre es aus der Zeit gefallen. So muss die Welt früher ausgesehen haben, denke ich. Lange denken werde ich nicht mehr. Es ist kurz nach ein Uhr nachts. Der Flug landete um kurz vor 11. Ich esse ein paar Gabelladungen lauwarmen Reis. In fünf Stunden klingelt mein Wecker wieder. Es beginnt das Abenteuer Jordanien. Eine Reise durch eines der schönsten Länder der Welt.
Großstadttrubel in Amman
Es gibt Länder, in denen ist die Hupe ein gängiger Gebrauchsgegenstand im Straßenverkehr. Zu diesen Ländern zählt Jordanien. Des Weiteren gilt im jordanischen Straßenverkehr das Gesetz des Stärkeren. Wer fährt, der fährt. Spurlinien sind ebenfalls nur Dekoration. Unser Reisebus bewegt sich in Schritttempo. Mohammed, unser Reiseführer, ist trotzdem zufrieden. Wir müssten den Verkehr mal an einem Montag erleben. Das ist eine wahre Katastrophe. Jetzt herrscht freie Fahrt. Sagte Mohammed, während das Bremsen der Räder mit dem Hupen der Straße eine Symbiose einging.
Ammans Geschichte ist lang. Schon zur Zeit des Alten Testaments existierte es, dann eroberte Alexander der Große die Stadt und sie hieß Philadelphia, und dann kamen Jahrhunderte später die Römer. Und die haben das getan, was sie am besten können. Ihren architektonischen Sandalenabtritt hinterlassen. Ich liebe Säulen. Ich liebe die Römer. Das Besondere hier. Der Sand der gelben arabischen Welt vermischt sich mit der weißen Eleganz der Römer und so entsteht eine einzigartige Verschmelzung. Ich laufe jauchzend durch das Areal. Ich bewundere die alten Steine. Für mich sind es aber mehr als nur Steine. Es sind Relikte der Vergangenheit und unsere Chance, die Vergangenheit zu entdecken. Es sind Momente wie diese, in denen ich meine Berufswahl anzweifle. Hätte ich nicht doch Archäologie studieren sollen? Ich genieße einfach den Moment. Daran ist kein Zweifel.



Die Zitadelle befindet sich auf einem Hügel und so habe ich auch einen traumhaften Blick auf das turbulente moderne arabische Amman. Die Häuser stehen dicht an dicht. Es ist kaum vorstellbar, was bei einem Brand, Erdbeben oder einer sonstigen Katastrophe mit den Menschen und der Stadt passieren würde. Dafür sind die Wände der Häuser bunt verziert. Ein Bild gefällt mir besonders. Es zeigt, wie die Jordanier das Erbe der Geschichte und der Menschheit auf ihren Schultern tragen. Und das stimmt. Ich bin zwar erst einen halben Tag hier, aber Jordanien hat viel und große Geschichte. Diese besondere Vergangenheit ist aber auch eine Bürde und eine Pflicht. Die Pflicht einer besonderen Vergangenheit haben die Jordanier alle verinnerlicht. Das bestätigt auch Mohammed. Sie sind stolz auf ihr Erbe. Sie tragen es gerne auf ihrer Schulter. Auch wenn es schwer wird.


Meine Römerliebe bekommt nach einer weiteren chaotischen Busfahrt noch ein Leckerli. Wie es sich für eine gute römische Stadt gehört, gibt es noch ein Amphitheater. Und so sitze ich vor jahrhundertealten Steinen und verzweifle weiter an meinen Lebensentscheidungen.

Am Nachmittag geht es in die Wüste. Eben noch Großstadtrubel und jetzt blicke ich aus den Scheiben des Busses und sehe nichts. Graue Steine, ab und an ein Stromkabel und sonst nichts. Kein Grün, kein grauer Beton, einfach nichts. Nichts außer Steine und Sand. Kein Leben, dafür Ruhe und Einsamkeit. Ich liebe die grüne Natur und alle Tiere, aber die endlose Monotonie der leeren Wüsten-Weite finde ich jetzt in diesem Moment wundervoll. Ich verliebe mich in das Nichts. Aber vielleicht verliebe ich mich auch einfach nur in Jordanien. Ein Land, dessen Menschen und Geschichte alles tun, um mich zu binden. Unser Ziel heißt Qusair ʿAmra. Ein Wüstenschloss, das sogar zum UNESCO-Welterbe zählt.
Sand. Sand. Und nochmals Sand. Dazwischen ein kleines Schloss. Das Schloss hat sogar einige Wandgemälde, die erhalten sind. Und das Schloss ist in der Nähe einer Wasserquelle. So gibt es auch einiges an Büschen in der Wüste. Ich bin fasziniert. Wir haben 40 Grad. Keinen Niederschlag und nur ganz wenig Wasser im Boden und hier leben Pflanzen? Pflanzen mit Wurzeln so stark, dass selbst ganz wenig Wasser ausreicht, um Leben zu erschaffen. Was für eine wundervolle Geschichte im Land der Schönheit.



Eine Stunde später und wir stehen vor einem neuen Schloss. Bevor wir uns das Schloss aber ansehen, gibt es erst noch Tee. Darauf besteht der Gastgeber. Einen Tee ausschlagen wäre eine Todsünde. Das will ich nicht. Außerdem ist der Tee unfassbar lecker. Den nehme ich gerne an. Danach folgt das Ende des Tages. Dieses Wüstenschloss war einst Handelstreffpunkt und Kameltankstelle. Das Aussehen ähnelt allerdings einer Festung mehr. Die Aussicht rundherum ist so unfassbar schön und besonders freue ich mich über einen einsamen Olivenbaum. Wie schafft er nur diese Hitze und den Wassermangel?



Die Reise erfolgte im September 2023

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