Venedig
Halbzeit. So anstrengend es manchmal sein mag, ich könnte diese wunderbare Reise ewig fortführen. Ich habe so viele schöne neue Dinge gesehen und so viele schöne Momente erlebt, das lässt sich gar nicht festhalten. Ich versuch es trotzdem. Ich bin jetzt bei meiner zweiten Speicherkarte* für die Kamera* angekommen.
An Tag 16 meiner Reise soll ein ganz großer Traum von mir wahr werden. Dafür werde ich heute meine erste Nachtzugerfahrung haben. Vorher geht es noch einmal in mein geliebtes Venedig. Der Markusdom wartet auf mich.
Die Stadt ist noch voller als gestern. Es ist Samstag. Die 45 Minuten bis zum Markusdom fühlen sich mit schwerem Rucksack wie eine Ewigkeit an. Auch die Seitenstraßen sind heute voll. Die Tatsache, dass das Frühstück heute auch wesentlich teurer als gestern ist, macht den Weg auch nicht angenehmer. Die vier Euro liegen immerhin nicht am Samstag, sondern nur an einer unglücklichen Bäckerauswahl. Manchmal habe ich Glück und lande in einer leeren kleinen Seitenstraße. Manchmal habe ich Pech und laufe am Fischmarkt vorbei, der mich an Ancona erinnert.
Der Markusdom ist so imposant wie gestern. Meinen Rucksack verstaue ich und meine Schultern atmen wieder. Jetzt heißt es, Schlange stehen und die Morgensonne genießen. Für den Nachtzug habe ich extra schon einen Pullover an. In der Sonne eine schlechte Idee. Aber ich werde heute Nacht dafür dankbar sein. 30 Minuten später und ich stehe im Dom.
Schon bei den ersten Blicken durch die Eingangstür wird klar: An Gold mangelt es nicht. Imposant ist kein Ausdruck für diese unendlichen Weiten des Goldes. El Dorado existiert. Es liegt in Venedig. Der materielle, aber auch kulturhistorische Wert dieser Kirche lässt sich nicht in Worte fassen. Das teure Vergnügen ist jeden Cent wert gewesen. Das goldene Schimmern ist so imposant, dass ich die unendlichen Massen an Touristen nicht wahrnehme. Das Gold fließt durch die Kirche, wie das Wasser durch die Kanäle.


Hier gibt es so viele Reliquien, vielleicht finde ich irgendwo noch den echten Heiligen Gral. In den Dächern des Doms befindet sich eine faszinierende und wertvolle Sammlung mit Kunst, Gold und Schmuck aus der gesamten Weltgeschichte. Das Gold raubt mir den Atem. Die berühmten venezianischen Pferde lassen mich kalt, mein Herz schlägt für die alten Bücher.



Neben der wunderschönen Kunst und Kultur habe ich von den Dächern des Markusdoms, eine fantastische Aussicht auf Venedig. Ich muss nur aufpassen, dass ich keine Selfies zerstöre. Rücksicht habe ich zum Glück auf dieser Reise gelernt. Der venezianische Löwe soll mich auf meinen Selfies vertreten.



Der Markusdom heißt übrigens so, weil der Heilige Markus hier begraben ist. Ja, der Markus aus der Bibel*, der das Markus-Evangelium geschrieben hat. Nach Padua besuche ich auf dieser Reise die zweite Evangelisten-Ruhestätte. Wie kam der Heilige Markus eigentlich nach Venedig? Durch Lügen, Raub und Betrug. Also nichts Besonderes für die Kirche des Mittelalters. Die feierliche Heimkehr zeigt eines der vielen weltberühmten Mosaike an der Außenwand des Domes.

Ich hatte nicht die größten Erwartungen an Venedig: voll, teuer, laut. Aber die Stadt hat mein Herz erobert. Es gibt so viele schöne kleine leere Gassen, und so teuer ist es in denen auch nicht. Auch als Reisender und nicht als Tourist kann ich Venedig entdecken. Venedig ist eine grandiose Stadt. Vielleicht bin ich durch Indiana Jones und den Heiligen Gral etwas voreingenommen. Aber ich bin auch ein passionierter Fußgänger und da ist eine autofreie Stadt per se herrlich.
Im Zug, wo ich sitze und mich erhole, fühle ich mich erschöpfter, als ich es bin. Wahrscheinlich sollte ich langsam einen Gang zurückschalten. Und auch bei den Gedanken um die Zukunft sollte ich mir öfter denken: „Wird schon irgendwie alles klappen.“
Im Zug verfalle ich der norditalienischen Landschaft. Ich erkenne zweifelsohne einen Unterschied zu den anderen Gebieten Italiens. Es ist hier landwirtschaftlicher. Ich sehe viel mehr Apfelbäume, Bauernhöfe und Felder aber auch noch Weinreben. Wir nähern uns Österreich.
Udine
Udine ist komplett leergefegt. Es ist aber auch ein starker Kontrast und ich bin nicht im Zentrum unterwegs. Die Stadt wirkt tot und das ist fantastisch. Ich habe gerade das Gefühl, dass es keine Touristen in der Stadt gibt, und das ist eine schöne Abwechslung.

Kirchen begleiten meinen Weg. Die Parrocchia della Beata Vergine delle Grazie sticht hierbei aufgrund ihrer schönen weißen Säulen und Bescheidenheit hervor.

Mein kirchliches Highlight habe ich in einer anderen Kirche. Eine ganz kleine Kirche mitten in der Stadt. Von außen sieht sie bescheiden aus. Innen ist sie wieder üppig ausgestattet. Sie ist komplett leer und strahlt Ruhe aus. Ich wusste bis eben gar nicht, dass ich diese Ruhepause und dieses Innehalten brauchte. Aber es fühlt sich gut an. In dieser Kirche scheint die Zeit stillzustehen.

Während ich mich auf den Weg zum großen Freiheitsplatz mache, nehmen die Menschenmassen zu. Ich weiß zwar nicht, warum, aber eine Blasmusikkapelle hat die Herrschaft über den Platz übernommen. Ich weiß nicht, was der Anlass ist und was das für eine Kapelle ist. Aber ich weiß, dass ich diese spontane Abwechslung sehr genieße.
Die Schönheit des Freiheitsplatzes darf dabei nicht in Vergessenheit geraten. An den Freiheitsplatz grenzt das Kastell der Stadt. Es liegt auf einem kleinen Hügel und so habe ich noch die Gelegenheit, einen letzten italienischen Sonnenuntergang zu genießen.



Der letzte Programmpunkt für Italien ist der Dom von Udine. Den Gottesdienst möchte ich nicht stören und schaue so nur durch die Glastüren.

Der Nachtzug nach Wien
Ich wandere noch ein wenig durch die Stadt, ehe ich um halb acht am Bahnhof von Udine ankomme. Mein Nachtzug geht um Viertel vor zwölf. Während ich am Bahnhof sitze und nichts tue, übermannt mich ein Gefühl der Erschöpfung. Kaum raste ich, da kommen die Zweifel.
Die Herrentoilette des leergefegten Bahnhofs ist ein Loch im Boden. Da ich gewisse Standards habe, entscheide ich mich für die Damentoilette. Sauber, schön und human ist diese zwar auch nicht, aber besser als ein Loch im Boden. Um diese Uhrzeit ist sie zum Glück auch komplett leer. Mit Ausnahme der Kabine neben mir, wo zwei Personen das Land der Liebe in vollen Zügen genießen.
Als ich um 21 Uhr auf meiner Bank sitze, patrouilliert die italienische Polizei am Bahnhof und kontrolliert die Ausweise der wenigen anwesenden Personen. Die Kommunikation erfolgt zwar mehr mit Händen und Füßen, aber am Ende läuft alles gut.
Die 4 Stunden ziehen sich unendlich lange. So langsam wird es kalt. Mein Frust wird größer, als ein Automat meinen Euro schluckt und nichts ausspuckt. Aber ich weiß, dass ich das für einen höheren Grund mache. Morgen bin ich am Ort meiner Träume.
Als ich nur noch 30 Minuten zu warten habe, kommt die Anzeige, dass der Zug 25 Minuten Verspätung hat. Und so endet Tag 15 meiner Reise einsam in der Kälte auf einem italienischen Bahnsteig.
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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