Wenn ich schon ein Einzelzimmer habe, dann kann ich wenigstens auch mal den Schlaf genießen. Heute liegt wieder ein anstrengender Tag vor mir. Bis zum Bahnhof laufe ich wieder eine Stunde, ehe ich im Zug die wunderschöne Landschaft der Felder und Weinreben im goldenen Licht der morgendlichen Sonne genießen kann.
Vicenza
Wenn dir Vicenza nichts sagt, dann ist das kein Problem. Ich kannte es vorher auch nicht. Anscheinend hat Andrea Palladio hier ein Meisterwerk der Renaissance-Architektur hinterlassen. Daher ist die Stadt UNESCO-Welterbe. Wobei ich bei dieser großen Anzahl an Welterbestätten der letzten Tage mich frage, welche Stadt in Italien kein Welterbe ist.
Ich habe keinen Plan für die Stadt und lasse mich durch die Schönheit der Renaissance treiben. Im Trubel des italienischen Wochenmarktes versuche ich, nicht unterzugehen. Es gelingt mir, und so kann ich die Kultur und Geschichte Italiens genießen.


Der berühmteste Gast Vicenzas ist nicht der Sehnsuchtsbummler, sondern kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Mein Lieblingsfrankfurter hat während seiner großen Italienreise einige Tage in Vicenza verbracht. So soll ihn die Stadt am meisten verzaubert haben. In meinen Augen auch nicht ganz ohne Grund. So schrieb er in seinem Reisebericht* Folgendes:
„Vor einigen Stunden bin ich hier [in Vicenza] angekommen, habe schon die Stadt durchlaufen, das Olympische Theater und die Gebäude des Palladio gesehen. Man hat ein sehr artiges Büchelchen mit Kupfern zur Bequemlichkeit der Fremden herausgegeben mit einem kunstverständigen Texte. Wenn man nun diese Werke gegenwärtig sieht, so erkennt man erst den großen Wert derselben; denn sie sollen ja durch ihre wirkliche Größe und Körperlichkeit das Auge füllen und durch die schöne Harmonie ihrer Dimensionen nicht nur in abstrakten Aufrissen, sondern mit dem ganzen perspektivischen Vordringen und Zurückweichen den Geist befriedigen; und so sag‘ ich vom Palladio: er ist ein recht innerlich und von innen heraus großer Mensch gewesen.“
Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise
Das größte Highlight von Vicenza ist das Teatro Olimpico. Und das sage ich nicht nur, weil ich ein großer Liebhaber der italienischen Oper bin. So ist dieser Ort ein himmlischer Ort. Das Theater macht seinem Namen alle Ehre. So fühle ich mich wie auf dem Olymp.

Der Begriff Renaissance kommt von dem Begriff der Wiedergeburt. Während es bei der Renaissance um die Wiedergeburt der Antike geht, habe ich das Gefühl, dass ich während dieser Reise auch wiedergeboren werde. Nach den zermürbenden letzten Wochen fühle ich mich jetzt unsterblich und voller neuer Energie.


Am frühen Mittag kommt die Sonne so richtig zum Vorschein. Mit dem großen schweren Rucksack beginne ich tatsächlich auch im Oktober, etwas zu schwitzen. Zum Glück hat Vicenza einen kleinen Park, der Schatten spendet. So schön die menschliche Kultur in Italien auch sein mag. An der Schönheit der Natur kommt kein Gebäude jemals vorbei. Unterstützt wird meine These durch ein paar kleine Kaninchen, die glücklich durch den Park hoppeln.


Die Tatsache, dass Vicenza natürlich auch noch eine schöne Kirche hat, setze ich als bekannt voraus. Wir sind in Italien. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich bald Italien verlasse. Es ist so schön, dass ich fast abstumpfe. Jede Kirche ist im Vergleich zu den deutschen besonders. Selbst die kleinsten Kirchen sind im Inneren eine ganz neue Welt. Aber durch die schiere Menge verlieren sie ihre Einzigartigkeit. So sind sie zwar besonders, aber doch auch ähnlich zu den anderen italienischen Kirchen. Abwechslung ist das beste Mittel im Kampf gegen die Abstumpfung des Gewöhnlichen. Wer viel Neues erlebt, wird viel mehr lieben lernen als wer sich auf eine Sache konzentriert.

Padua
Wer hätte es gedacht, aber Padua ist UNESCO-Welterbe. Die Stadt hat sogar 2 Welterbestätten. Die Kultur kommt heute auf keinen Fall zu kurz. Die Cappella degli Scrovegni hat Zeitfenstertickets und so nutze ich meine Wartezeit sinnvoll im Kunstmuseum.

So nett das Museum auch war, so ist das wahre künstlerische Highlight Paduas nicht das Museum, sondern jene Kapelle. Ich kenne zwar Giotto di Bondone nicht, aber anscheinend soll sein Fresko weltberühmt sein. Dafür kenne ich mich einfach zu wenig mit Kunst aus.


Padua hat mehr als Kunst und Kirchen. So ist die Stadt auch die Heimat der zweitältesten italienischen Universität. Bekanntester Professor der Universität ist Galileo Galilei*. Während seiner Zeit in Padua hat er einige seiner bedeutendsten Werke verfasst. Noch heute greifen junge Leute in Padua nach den Sternen. So habe ich Glück, dass gerade eine Veranstaltung ist und ich mich heimlich in die große Aula schleichen kann. Die zusätzliche Studierendenkundgebung im Hof schafft zusätzlich Ablenkung.

Padua ist eine schöne Kombination aus alt und neu. Aus Trubel und Gelassenheit. Und dann noch überall der Duft des guten Essens!

Ich hatte bereits erwähnt, wie besonders italienische Kirchen sind. Diese ist ganz besonders. Denn erstens ist der Weg dahin über den Prato della Valle mit seinen Brücken und über 70 Statuen ein wundervoller Weg. Und zweitens ist die Basilika Santa Giustina das Grab des Heiligen Lukas. Jener Lukas, der das Lukas-Evangelium in der Bibel* geschrieben hat. So ist die Kirche nicht nur schön, sondern wichtig und bedeutend zugleich.


Neben Religion und Astronomie gibt es in Padua noch die Botanik. So ist die Stadt Heimat von einem der ältesten botanischen Gärten Europas, der das zweite UNESCO-Welterbe der Stadt ist.

Und dann gibt es noch die Kirche des Heiligen Antonius. Wobei ich es schon etwas schade finde, dass der Heilige Antonius eine so große Kirche hat und vor seinen Reliquien eine riesige Schlange ist und ich trotzdem nicht weiß, wer das überhaupt ist. Zu meiner Verteidigung: Ich bin kein Kirchenmitglied. Aber ich werde diese Bildungslücke zu Hause schließen. Es gibt so viele Reliquien von ihm, da frage ich mich, was überhaupt noch in seinem Grab liegt. Diese riesige Wand von Reliquien ist imposant, beeindruckend, gigantisch und überwältigend. Die Kirchen Paduas sind eine Klasse für sich.



Den Abschluss des Tages hat die weltliche Macht. Wobei La Specola nicht ganz so irdisch ist. So ist dieser Turm einst Sitz der astronomischen Fakultät gewesen. Aber da ich auch immer nach den Sternen greife, ist das Ende des Tages so perfekt.

Und dann geht es für mich mit dem Zug in die nächste Stadt. Welche das ist, verrate ich noch nicht. Das soll ein kleines Geheimnis bleiben. Günstiger war wieder ein kleines Einzelzimmer in einem Motel. Allerdings hat das Zimmer Minus Einen Stern und Steckdosen, die so antik sind, dass ich aus purem Überlebenswillen meine Powerbank nutze.
Die Reise erfolgte im Oktober 2022

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