Tag 1 – Einleitung und Ankunft
Ich liebe es, alleine zu reisen. Es ist meine liebste Art des Reisens. Schon Reisen mit meiner Freundin oder meinem Bruder sind für mich ein Kompromiss. Ich habe beide gerne, aber am liebsten reise ich alleine. Die jetzt anstehende Reise beginnt somit bereits mit einer großen Anfangsbürde. Es ist ein Familienurlaub. Meine Freundin, ihre Eltern mitsamt Hund, ein befreundetes Ehepaar ihrer Eltern mitsamt Hund und ich. Ich sitze im Auto und weiß, dass diese Reise keine Sehnsuchtsbummler-Reise sein wird, sondern ein Familienurlaub. Ich mache nicht gerne Urlaub. Erst recht keinen Familienurlaub. In meinem Kopf sind zu viele Vorurteile und Erinnerungen. Ich weiß, dass es unfair ist. Dieser Urlaub und unser Reiseziel haben einen schweren Stand, obwohl sie nichts dafür können.
Wir kommen an in Rosenau. Ein Ortsteil von Grafenau mitten im Bayerischen Wald. Der Nationalpark ist wenige Kilometer von uns entfernt. Unser Ferienhaus ist am Rande des Dorfes. Wir wohnen mitten in der Natur. Umzingelt von grünen Wiesen, verschönert mit einem gelben Meer aus Löwenzahn. Die Hummeln summen in der Luft und der Wind weht durch die Felder. Ein malerischer Anblick. Ich denke mir, vielleicht wird es gar nicht so schlimm. Bei einer so schönen Aussicht und einer so traumhaften Natur besteht Hoffnung.

Tag 2 – Ein Glasdorf und ein abendlicher Spaziergang
Der Tag beginnt mit dem Grund, warum ich das Reisen in Gruppen hasse. Mit der Frage, was wir heute machen wollen. Die Diskussion zieht sich in eine unendliche Länge. Wir bewegen uns nicht vom Fleck. Ach, das könnten wir doch machen oder das ist auch schön. Wir drehen uns im Kreis. Tag 2 und ich würde am liebsten meinen Wanderrucksack aufsetzen und wegwandern. Wir einigen uns darauf, erst einmal einkaufen zu gehen und dann schauen wir weiter.
Ich liebe es, zu fotografieren. Meine Kamera* gehört zu meinen engsten Reisebegleitern. Vor fünf Jahren habe ich sie mir gekauft. Eine ordentliche und gute Kamera. Trotzdem ein Einsteigermodell. Nach all den Jahren des Spaßes und der Verbesserung meines fotografischen Handwerks war es an der Zeit für ein Upgrade*. Schon lange habe ich mir eine neue Kamera gewünscht. Letzte Woche habe ich sie mir gekauft. Meine Steuerrückerstattung kam auf meinem Konto an. Damit kaufe ich mir jedes Jahr etwas, das ich schon lange will, aber es mir irgendwie nie kaufe, weil es zu teuer ist. Ich hätte mir die Kamera auch so kaufen können. Ich bin erwachsen. Ich bin kein Kind mehr. Ich arbeite und verdiene Geld. Ich hätte es mir schon vorher kaufen können. So hat es eine Form der Belohnung und ich freue mich gleich viel mehr auf die Kamera. Letzte Woche habe ich sie bestellt. Die Reise in den Bayrischen Wald sollte ihre Jungfernfahrt werden. Ich habe mehrere Paare Akkus* für meine alte Kamera gehabt. Die sind mit der neuen Kamera nicht kompatibel. Für das Bestellen der Ersatz-Akkus* war keine Zeit mehr. Ich dachte mir, das wird kein Drama sein. Bei einem Familienurlaub komme ich mit einem Akku am Tag aus. Heute Morgen die Ernüchterung. Meine Kamera hat die Nacht nicht geladen. Ein bekanntes Problem. Sony Kameras lassen sich manchmal nicht direkt an der Kamera laden. Man benötigt entweder ein originales Sony Kabel, was aber nicht mehr im Lieferumfang enthalten ist, oder eine externe Ladestation. Normalerweise hätte ich die gehabt, aber nur normalerweise. Für die neue Kamera habe ich sie noch nicht. Jetzt stehe ich hier mit einer neuen Kamera auf ihrer Jungfernfahrt ohne funktionierenden Akku. Die Jungfernfahrt entfällt. Mein Handy muss herhalten. Ich bleibe trotzdem ruhig. Deswegen möchte ich mich nicht aufregen. Ich finde mich mit der Situation ab. Das passt zur Gesamtsituation.
Wir einigen uns auf ein Ziel und besuchen ein Glasdorf in der Nähe. Wäre ich alleine hier, würde ich so etwas niemals besuchen. Die Gegend ist so schön und wir gehen in ein Glasdorf, nur um uns sinnlose Deko zu kaufen.

Den Tag lasse ich mit einer Wanderung im Wald ausklingen. Ohne Menschen, dafür mit Hund. Ich komme zur Ruhe und finde Gelassenheit. Alleine im Wald bin ich glücklich. Es ist ein schöner Wald. Versüßt wird der Abend mit einem Sonnenuntergang im Feld. Gott, wie ich Sonnenuntergänge liebe!


Tag 3 – Passau
Der Tag beginnt mit einem lauten Schrei. Meine Freundin fasst sich an ihr Knie. Es schmerzt. Auch das noch. Was sie gemacht hat, weiß sie selber nicht. Vielleicht hat sie sich verlegen. Sie steht auf und versucht, weiterzumachen. Am Frühstückstisch die gleiche Diskussion wie gestern. Wir einigen uns auf Passau. Wir sind in einem Nationalpark und fahren in eine Großstadt. Das Rollen meiner Augen kann ich glücklicherweise verbergen.
Wir erreichen Passau. Wir parken an der Donau und schlendern durch die Innenstadt. Ich hasse es, in Gruppen durch Städte zu gehen. Ich habe einen zügigen Schritt. Mit jeder weiteren Person fällt die Schrittgeschwindigkeit exponentiell ab. Mühselig setzen wir uns in Bewegung. Alle paar Meter wird angehalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir den Dom. Die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt.


Wir trotten weiter Richtung Dreiflüsseeck. Nach kurzer Zeit halten wir. Das Knie. Es geht nicht weiter. In einem Brauhaus rastet die Gruppe. Auf der anderen Donauseite thront die Veste Oberhaus. Ich nutze die Gelegenheit, verzichte auf mein Trinken und eile über den Fluss. Wie beflügelt von der Alleinsamkeit renne ich die Treppenstufen hinauf. Die Aussicht ist ein Traum. Ich überblicke die Stadt. Ich sehe, wie die Flüsse miteinander harmonieren und atme die hohe Luft der Freiheit. Nach 20 Minuten bin ich wieder unten und wir treten langsam den Rückweg an.



Meine Freundin wollte mir eine Freude bereiten. Sie hat, nachdem sie von meinem Kamera-Drama erfahren hat, gestern die Ersatzakkus mitsamt Ladestation bestellt. Lieferadresse war eine Packstation in Grafenau. Unserem Nachbarort. Doch aus dem Drama wird eine Tragödie. Anscheinend gibt es auch in Baden-Württemberg ein Grafenau. Anscheinend auch mit Packstation. Meine Akkus liegen im falschen Grafenau. Wenn einmal der Wurm drin ist…
Es ist Abend. Die Sonne steht kurz vorm Untergang und ich gehe wieder spazieren. Wieder mit Hund und sonst niemandem.
Tag 4 – Für ein bisschen Voltaren in die Notaufnahme
Das Knie meiner Freundin schmerzt noch immer. Unterstützt wird ihr Gang jetzt durch zwei Gehstöcke. So kommt sie zumindest ein bisschen voran. Das heutige Ziel: der Waldwipfelweg in St. Englmar. Ich liebe den Wald. Die Aussicht auf das grüne Meer der Freude ist wunderschön. Nach dem Blick von oben laufen wir noch etwas durch den Wald in niedrigerer Höhe. Dort muss meine Freundin aber pausieren. Schon der Gang auf dem Waldwipfelweg war zu viel.



Ich spaziere wieder alleine. Mein übliches Abendritual. Meine Schwiegermutter ruft mich an. Das Knie meiner Freundin ist mittlerweile dick und die Schmerzen sind stärker. Wir überlegen, was wir machen sollen. Es ist halb neun. Der ärztliche Bereitschaftsdienst schließt um neun und ist eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt. Wir entscheiden uns schweren Herzens für die Notaufnahme. Ein bisschen schämen wir uns dafür. Das Knie ist zwar dick und tut höllisch weh. Aber meine Freundin fühlt sich nicht wie ein Notfall. Die Notaufnahme ist doch nur für Notfälle und nicht für das. Das Dorfkind spricht aus ihr. Wir haben keine andere Wahl. Sie hat Schmerzen und irgendwas stimmt da nicht. Grafenau hat ein Krankenhaus mitsamt Notaufnahme. Wir fahren dorthin. Das Krankenhaus ist dunkel und menschenleer. Laut Internet hat es eine Notaufnahme. Aber alles ist zu und dunkel. Wir klingeln. Eine Krankenschwester öffnet freundlich die Tür und führt uns in die Notaufnahme. Die Notaufnahme ist ein einzelner Behandlungsraum. Ein junger Arzt kommt zu uns und sagt gleich, dass er sich das Knie zwar anschauen kann, das Klinikum aber ein kardiologisches Klinikum ist. Er ist Internist, er hat keine Ahnung von Orthopädie. Das ist zwar ernüchternd, aber ehrlich. Das verdient höchste Anerkennung. Wir sollen nach Freyung in die Klinik, er meldet uns telefonisch an. Auch in Freyung ist alles dunkel und menschenleer. Wir sind die einzigen in der Notaufnahme. Das schlechte Gewissen ist zumindest ein bisschen gelindert. Wir werden zum Röntgen geschickt. Einer der nettesten Menschen der Erde begrüßt uns. Sein einziges Problem: Er kann kein Deutsch. Mit Müh und Not versuchen wir, sein Bayrisch zu verstehen. Wenig später haben wir die Ergebnisse. Es ist nichts gebrochen. Hier ein paar Ibus und dann gibt’s noch einen Voltaren-Verband. Ein ernüchternder Besuch. So wie die ganze Reise.
Tag 4 – Herrenwanderung zum Rachelsee
Da es allgemein bekannt ist, dass ich leidenschaftlich wandere, möchten die anderen Herren der Urlaubsgruppe mit mir eine Wanderung unternehmen. Endlich geht es in den Wald! Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet. Meine Wanderbegleiter sind jeweils mehr als doppelt so alt wie ich. Wenn ich wandern gehe, schaue ich mir grob auf der Karte an, wo ich hinwill und folge dann den Schildern und / oder meiner Inspiration. Das gilt für Wanderungen in ungefährlichem Gebiet, was in Deutschland fast immer der Fall ist. Für Notfälle gibt es Offlinekarten auf dem Handy und eine gesunde Selbsteinschätzung. Heute gibt es die Wanderroute ausgedruckt und es werden fleißig die Zeiten und Kilometer notiert. Man muss ja alles ordnungsgemäß dokumentieren! Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Ordnung und Dokumentationen. Aber nicht beim Wandern. Hier geht es um die Liebe zur Natur, zum Abenteuer und die geballte Freiheit. Das Schritttempo ist dem Altersunterschied geschuldet ziemlich langsam. Am Ende schaffen wir zwanzig Kilometer und wenige Höhenmeter. Die Natur ist atemberaubend schön. An meine körperlichen Grenzen bin ich leider nicht gestoßen. Dabei ist das doch einer der Reize des Wanderns!





Tag 5 – Mit dem Rollstuhl im Baumwipfelpfad
Die Diskussion, wo wir heute hinfahren, begleitet mich auch an diesem Morgen. Wir einigen uns auf den Baumwipfelpfad vom Nationalpark Bayrischer Wald. Der Vorteil: Man kann sich da einen Rollstuhl ausleihen. Und so schiebe ich meine Freundin durch den Baumwipfelpfad und durch den Wald. Wahre Liebe. Ich schiebe sie bis fast an die Spitze der Aussichtsplattform. Die letzten Meter sind nur per Treppe erreichbar. Hier muss ich sie abstellen. Die Spitze kann sie trotzdem sehen. Es passiert das Netteste, was ich je auf Reisen erlebt habe. Zwei Männer bekommen mit, wie ich sie hier hochschiebe und sagen, dass sie meine Freundin die Treppe hochtragen. Und so tragen sie den Rollstuhl mitsamt meiner Freundin nach oben und anschließend wieder runter. Ein wirklich herzerwärmender Moment für mich und meine Freundin. Manchmal verliere ich das Vertrauen in die Menschheit, aber heute habe ich es wieder gewonnen.


Tag 6 – Wandern & Freiheit
„Nach Jahren der Suche habe ich endlich die beste Marke gefunden. Der Fruchtfleischanteil ist hier perfekt.“, so verlautet es am Frühstückstisch. Ich höre nicht zu. Mein Gehirn hat auf Durchzug geschaltet. Ich gehe bei solchen Gesprächen ein wie ein Schneeglöckchen in der Sahara. Ich fühle mich, als wäre ich im Biedermeier. Ich. Ich, der Entdecker, Weltenbummler und Abenteurer. Gefangen in der Normalität und Spießigkeit des Alltags. Das ist nicht mein Leben.
Heute bin ich alleine unterwegs. Ich verlasse früh das Haus. Das Frühstück überspringe ich. Heute möchte ich mir die Unterhaltungen ersparen. Heute ist mein Tag. Ich wandere alleine. Ganz alleine. Und unter 25 Kilometern komme ich nicht zurück. Heute kann ich endlich an meine körperlichen Grenzen gehen. An meine mentale Grenze wanderte ich schon die ganze Woche.
Ich laufe zum Bahnhof des Ortes. Die Waldbahn fährt mich zu meinem Ziel. Ich liebe es, mit der Bahn zu fahren. Viele meiner Reisen beginnen mit einer Bahnfahrt. So fühlt es sich wie eine richtige Sehnsuchtsbummlerreise an. Mein Ziel ist ein Bedarfshalt. Bedarfshalt. Ein einfaches Wort und doch steckt so viel dahinter und vor allem ganz viel Freude.
Am Ende sind es 27 Kilometer geworden und 800 Höhenmeter. Ich habe jeden Schritt den Berg hoch gehasst. Ich hasse Höhenmeter. Ich habe jeden Schritt verflucht. Ich habe den Sinn von allem hinterfragt und alles und insbesondere mich selbst gehasst. Und genau das war irgendwie geil! Als ich am Gipfel angekommen bin, habe ich beschlossen, die 20 Kilometer bis zur Ferienwohnung einfach zu laufen. Ich setze mich auf einen Felsvorsprung und genieße den Wind der Freiheit in meinen Haaren. Für dieses Gefühl lohnt sich jeder einzelne Schweißtropfen. Der einzige Wermutstropfen sind die Bäume in den höheren Gegenden. Viele sind kahl und abgeschlagen. Es sieht aus wie ein Friedhof. Der Anblick schmerzt in meiner Seele, aber auch das gehört zur Natur. Mehrere Hundert Höhenmeter bin ich auf den Gipfel hochgelaufen und wieder hinuntergelaufen. Im Zuge dessen konnte ich sehen, wie die Natur sich beständig verändert. Ich habe es gesehen. Bewusst. Ich habe auf die Veränderung der Natur geachtet. Weil sie mich fasziniert. Ich habe mich wie mein Vorbild Humboldt gefühlt, als er die verschiedenen Höhenstufen des Chimborazo zeichnete.









Und so endet der Familienurlaub. Die schwere Anfangsbürde konnte der Urlaub nie abschütteln. Im Gegenteil. Er wurde noch schlimmer. Gegen die Natur des Nationalparks Bayrischer Wald möchte ich keine Vorwürfe erheben. Sie ist wunderschön. Auch nicht gegen meine Freundin. Entgegen der Vermutung nach manchen Behauptungen und zynisch-sarkastischen Kommentaren des Autors stelle ich reinen Gewissens fest, dass ich sie trotzdem liebe und gerne mit ihr zusammen bin. Und das schreibe ich nicht nur, weil ich weiß, dass sie meine Reiseberichte liest, sondern weil es stimmt.
Die Reise erfolgte im April und Mai 2025

Gefällt dir der Beitrag?
Dann unterstütze mich und meine Arbeit doch gerne in Form einer Kaffeespende. Ich würde mich wahnsinnig über deine Unterstützung freuen 🙂 Einfach hier klicken!
5,00 €
Bei den mit * gekennzeichneten Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn Ihr über diesen Link das Produkt kauft, erhalte ich eine kleine Provision. Für euch entstehen keine zusätzlichen Kosten. Eine einfache Methode, um mich und meine Arbeit finanziell zu unterstützen. Danke 🙂



Gefällt dir der Beitrag? Dann kommentiere jetzt hier!