Tag 15 – Zwischen Gold, Blasmusik und Bahnhöfen

Ein frisch bestandenes Staatsexamen und ein Interrail Ticket für einen Monat: Darum geht es in der Reihe Mein Monat. Bevor du diesen Beitrag liest, ist es vielleicht sinnvoll, erst die vorherigen Beiträge zu lesen.

Samstag, 15. Oktober 2022 – Tag 15

Heute ist der fünfzehnte Tag meiner Reise. Damit ist die Hälfte schon oder doch eher leider geschafft. So anstrengend es manchmal sein mag, so könnte ich diese wunderbare Reise doch ewig fortführen. Ich habe so viele schöne neue Dinge gesehen und so viele schöne Momente erlebt und neue Erinnerungen machen können, das lässt sich gar nicht in Bildern oder Worte fassen. Beides versuche ich trotzdem. Gerade beim Ersteren manchmal etwas zu intensiv, da ich jetzt schon bei meiner zweiten Speicherkarte für die Kamera angelangt bin.

An Tag 16 meiner Reise soll ein ganz großer Traum von mir wahr werden. Dafür werde ich heute auch meine erste Nachtzugerfahrung haben. Vorher geht es aber noch einmal in meine geliebte Stadt. Der Markusdom wartet schließlich noch auf mich.

Am Bahnhof wird mir aber bewusst, dass es vielleicht doch nicht die schlauste Idee war, an einem Samstag nach Venedig zu fahren. Die Stadt ist noch voller als sonst. Die 45 Minuten bis zum Markusdom fühlen sich in der vollen Stadt und mit dem Rucksack wie eine Ewigkeit an. Ich versuche zwar so gut es geht, Seitenstraßen zu nutzen, aber am Wochenende ist das Ausflugsziel Nummer 1 Norditaliens natürlich voll. Die Tatsache, dass das Frühstück heute auch wesentlich teurer als gestern ist, macht den Weg auch nicht gerade angenehmer. Die vier Euro liegen immerhin nicht am Samstag, sondern nur daran, dass ich Unglück bei der Bäckerauswahl hatte. Und manchmal habe ich auch Glück und lande in einer leeren kleinen Seitenstraße und kann die ruhigen Kanäle Venedigs genießen. Manchmal habe ich aber auch Pech und laufe am Fischmarkt vorbei, der mich sehr an Ancona erinnert.

Und dann habe ich es endlich geschafft. Der Markusdom ist so imposant wie gestern. Aber zunächst muss ich meinen Rucksack verstauen. Die sind im Dom nämlich auf gar keinen Fall gestattet. Und dann heißt es erst einmal Schlange stehen und die Morgensonne genießen. Für den Nachtzug habe ich extra schon einen Pullover an, da wird es in der Sonne tatsächlich etwas heiß. Aber ich werde heute Nacht dafür dankbar sein. Ich warte fast circa eine halbe Stunde. Das ist aber gar nicht schlimm, denn ich habe heute ja sowieso genügend Zeit.

„Alle Dinge sind möglich dem, der daran glaubt.“

Schon bei den ersten Blicken durch die Eingangstür wird klar, an Gold mangelt es hier nicht. Ich habe zwar schon ein paarmal gesagt, wie imposant doch italienische Kirchen seien. Das ist kein Ausdruck für diese unendlichen Weiten des Goldes. El Dorado existiert doch. Es liegt hier in Venedig. Der materielle, aber auch kulturhistorische Wert dieser Kirche lässt sich nicht in Worte fassen. Das teure Vergnügen ist jeden Cent wert gewesen. Das goldene Schimmern ist so imposant, dass ich die unendlichen Massen an Touristen trotzdem nicht wahrnehme. Das Gold fließt durch die Kirche, wie das Wasser durch die venezianischen Kanäle.

Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?

Hier gibt es so viele Reliquien, da wäre dieser Ort das Paradies für meinen Lieblingshelden. Wenn man den Heiligen Gral wo finden kann, dann wäre das bestimmt hier. In den Dächern des Domes befindet sich nämlich eine unglaublich faszinierende und wertvolle Sammlung mit Kunst, Gold und Schmuck aus der gesamten Welt und Geschichte. Wie bedeutend und atemberaubend dieser Ort ist, lässt sich gar nicht in Worte fassen. Die berühmten venezianischen Pferde findet man übrigens auch hier. Wobei mich ehrlicherweise die alten Bücher mehr in den Bann ziehen.

„Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“
„Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!
„Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Neben der wunderschönen Kunst und Kultur hat man von den Dächern des Markusdoms, aber auch eine fantastische Aussicht auf das Meer oder Markusplatz. Man muss nur aufpassen, dass man nicht das ein oder andere Selfie zerstört. Wobei ich durch meine Hostelerfahrungen natürlich Rücksicht gelernt habe. Und ich helfe natürlich immer gerne Bilder von Reisenden zu machen. Der venezianische Löwe soll mich auf meinen Bildern vertreten.

Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
Sorry für das zerstörte Selfie
Das geht schon als Foto von mir durch, oder?

Der Markusdom heißt übrigens so, weil der Heilige Markus hier begraben ist. Ja, der Markus, der das Markus-Evangelium geschrieben hat. Nach Padua besuche ich also schon die zweite Evangelisten-Ruhestätte. Wie kam der Heilige Markus eigentlich nach Venedig? Durch Lügen, Raub und Betrug. Also nichts Besonderes für die Kirche des Mittelalters. Die feierliche Heimkehr zeigt übrigens eines der vielen weltberühmten Mosaike an der Außenwand des Domes.

Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Ich hatte ehrlicherweise nicht die größten Erwartungen an Venedig: voll, teuer laut und voller Klischees. Aber die Stadt hat mein Herz erobert. Voll ist die Stadt zwar, aber auch nur an den typischen Touristenspots. Es gibt so viele schöne kleine leere Gassen, und so teuer ist es in denen auch nicht. Auch als Reisender und nicht als Tourist kann man Venedig entdecken. Venedig ist eine grandiose Stadt. Vielleicht bin ich durch Indiana Jones und dem Heiligen Gral etwas voreingenommen. Aber ich bin auch ein passionierter Fußgänger und da ist eine autofreie Stadt per se herrlich.

Im Zug, wo ich ja eigentlich sitze und mich erhole, fühle ich mich dann aber doch fertiger, als ich es wahrscheinlich bin. Wahrscheinlich sollte ich bei einer so langen Reise wirklich einen Gang zurückschalten, was das Laufen angeht. Und auch bei den Gedanken um die Zukunft sollte ich mir öfter einfach denken, wird schon irgendwie alles klappen.

Im Zug ist aber auch die norditalienische Landschaft unfassbar schön anzusehen. Man erkennt definitiv schon einen Unterschied zu den anderen Gebieten Italiens. Es ist hier definitiv landwirtschaftlicher. Ich sehe viel mehr Apfelbäume, Bauernhöfe, Felder aber auch noch Weinreben. Man merkt auch ein wenig, dass wir uns Österreich wieder nähern.

Udine ist im Vergleich zu Venedig komplett leer gefegt. Das ist natürlich ein sehr starker Kontrast und ich bin jetzt auch noch nicht im Zentrum unterwegs, aber beim Vergleich zu Venedig wirkt die Stadt leider etwas tot. Aber eigentlich ist es auch fantastisch. Ich habe gerade das Gefühl, dass es keine Touristen in einer Stadt gibt und das ist wirklich eine schöne Abwechslung.

Das Neue Giovanni da Udine Theater

Natürlich geht mein Weg auch an zahlreichen kleinen Kirchen vorbei. Die Parrocchia della Beata Vergine delle Grazie sticht hierbei mal aufgrund ihrer schönen weißen Säulen und Bescheidenheit hervor.

Pace

Mein kirchliches Highlight habe ich dann aber in einer anderen Kirche. Eine ganz kleine Kirche mitten in der Stadt. Von außen sieht sie ganz bescheiden aus. Innen ist sie aber wieder üppig ausgestattet. Aber das einzigartige ist, dass sie komplett leer ist und einfach Ruhe ausstrahlt. Ich wusste bis eben gar nicht, dass ich diese Ruhepause und dieses Innehalten brauchte. Aber es fühlt sich einfach nur schön an. In dieser Kirche scheint die Zeit still zu stehen. Aber trotzdem bin ich auch etwas neugierig, denn eine Gläubige kommt etwas später in die Kirche und während sie von Altar zu Altar schreitet und betet, wird mir auch klar, wie wenig ich doch eigentlich über die Kirche weiß. Und irgendwie finde ich das schade. Ich mag zwar Atheist sein, aber trotzdem will ich mehr hierüber erfahren. Das ist aber trotzdem zweitrangig. Im Fokus stehen jetzt erst einmal die Ruhe und die Zufriedenheit.

Ruhe

Während ich mich auf dem Weg zum großen Freiheitsplatz mache, nehmen die Menschenmassen zu. Das hat aber einen ganz einfachen Grund. Ich weiß zwar nicht warum, aber eine Blasmusikkapelle hat die Herrschaft über den Platz übernommen. Ich weiß nicht, was der Anlass ist und was das für eine Kapelle ist. Aber ich weiß, dass ich es sehr genieße, dass ich das spontan erleben kann.

Die Schönheit des Freiheitsplatzes darf dabei aber auch nicht in Vergessenheit geraten. An den Freiheitsplatz grenzt übrigens das Kastell der Stadt. Es liegt auf einem kleinen Hügel und so habe ich noch die Gelegenheit, die langsam untergehende Sonne zu genießen. Du weißt mittlerweile sicher schon, wie sehr ich das liebe.

Das Castello di Udine
Sonne, Dom und Abschied
Time to say goodbye

Der letzte Programmpunkt für Italien ist der Dom von Udine. Da findet aber leider gerade ein Gottesdienst Stadt. Den möchte ich natürlich nicht stören. Zum Glück gibt es aber einen Zwischeneingang mit Glastüren. So kann ich zumindest ein paar Einblicke in das Innere der Kirche gewinnen.

Und so endet meine Reise durch Italien natürlich mit einer Kirche.

Ich wandere noch ein wenig durch die Stadt, ehe ich um halb acht am Bahnhof von Udine ankomme. Mein Nachtzug geht um Viertel vor zwölf. Während ich am Bahnhof sitze und nichts tue, übermannt mich ein Gefühl der Erschöpfung. Kaum raste ich, da kommen schon wieder die Zweifel. Wobei ich bei meiner nächsten Reise schon ein bisschen mehr planen kann. Und Pausentage oder Tage des Nichtstuns sind schließlich auch nicht so meins. Dann lieber so einen Tag wie heute, der war ja schließlich auch nicht allzu anstrengend.

Die Herrentoilette des Bahnhofs ist übrigens ein Loch im Boden. Da ich dann doch gewisse Standards habe, entscheide ich mich für die Damentoilette. Sauber, schön und human ist diese zwar auch nicht, aber besser als ein Loch im Boden. Um diese Uhrzeit ist sie ja zum Glück auch komplett leer. Naja, mit Ausnahme der Kabine neben mir, wo zwei Personen das Land der Liebe in vollen Zügen genießen.

Und als ich dann um 9 Uhr auf meiner Bank sitze, patrouilliert tatsächlich die italienische Polizei den Bahnhof und kontrolliert die Ausweise der anwesenden Personen. Die Kommunikation erfolgte zwar mehr mit Händen und Füßen, aber am Ende läuft alles gut.

Die 4 Stunden ziehen sich unendlich lange. So langsam wird es auch kalt. Mein Frust wird größer als dann auch noch der Automat meinen Euro schluckt und nichts ausspuckt. Aber ich weiß ja, dass ich das für einen höheren Grund mache. Morgen bin ich im am Ort meiner Träume.

Als ich nur noch 30 Minuten zu warten habe, kommt die Anzeige, dass der Zug 25 Minuten Verspätung hat. Gut, es ist auch ein Zug der ÖBB und kein Zug der italienischen Bahn. Natürlich ist er dann nicht pünktlich. Und so endet Tag 15 meiner Reise in der Kälte auf einem italienischen Bahnsteig.

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4 Kommentare zu „Tag 15 – Zwischen Gold, Blasmusik und Bahnhöfen

  1. Irgendwie werde ich in Italien auch immer an den Bahnhöfen kontrolliert. 😦

    Einmal hatte ich gar nichts dabei, keinen Pass, keinen Personalausweis, weil ich nur zum Zigarrenkaufen zum Bahnhof gegangen war. (Die italienischen Toscano-Zigarren sind hervorragend und noch dazu sehr erschwinglich!)

    Aber die Polizisten haben mir dann mit einer Ermahnung, fürderhin nur mit Identifikationspapieren aus dem Haus zu gehen, weiterziehen lassen.

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