Tag 4 – Triest und die beste Pizza meines Lebens

Ein frisch bestandenes Staatsexamen und ein Interrail Ticket für einen Monat: Darum geht es in der Reihe Mein Monat. Bevor du diesen Beitrag liest, ist es vielleicht sinnvoll, erst die vorherigen Beiträge zu lesen.

Dienstag, 4. Oktober 2022 – Tag 4

Wenn man eine Sache in Hostels lernt, dann ist es Rücksicht. Ich bin ja eigentlich ein Frühaufsteher. Die meisten jungen Menschen aber nicht. Daher stehe ich jetzt in den letzten Tagen auch etwas später auf und verlasse meist erst gegen 9 das Zimmer. Für viele Menschen ist das schon früh genug. Aber carpe diem!

Beim buongiorno auf dem Flur wird mir erst bewusst, dass ich ja sogar ein bisschen italienisch kann. Nach dem Staatsexamen habe ich ja jetzt auch endlich Zeit, mein italienisch Lehrbuch etwas ausführlicher zu studieren. Denn ich kenne wenige Sprachen, die so schön sind wie die italienische Sprache.

Direkt in der ersten Straße wird mir bewusst, dass ich in Italien bin. Es wimmelt hier nur so von Vespe. Und ja Vespe ist der korrekte Plural von Vespa. Die konstante Angst überfahren zu werden, gehört übrigens zu Italien so wie das Amen in der Kirche. Wobei so früh die Straßen noch vergleichsweise leer sind.

Begeistert bin ich übrigens von den Sirenen der Krankenwagen. Die klingen hier irgendwie besonders toll. Die Italiener erfühlen übrigens auch so manches Klischee. Aber die italienische Lebensweise ist nun einmal eine ganz besondere und spezielle.

Die Stadtreise durch Triest beginnt natürlich am Canal Grande der Stadt, wo auch sonst. Mir war ja schon gestern klar, dass ich mein Herz an Italien verloren habe. Aber jetzt merke ich es immer stärker. Allein die wenigen Meter haben gelangt, um mein Herz zu verzaubern. Aber so geht es nicht nur mir. So hat schon der berühmte irische Schriftsteller James Joyce einst so passend geschrieben: „My soul is in Trieste.“.

„Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.“ – Ulysses

Für die Stadt habe ich keine Route geplant. Ich lasse mich einfach treiben und gehe in die Straßen, die mich anziehen. Mich zieht zwar alles in der Stadt an, aber irgendwie finde ich meinen Weg. Am Ende des Canal Grande steht natürlich eine Kirche. Wobei diese jetzt nicht katholisch, sondern orthodox ist.

Amen

Mein Irrweg führt mich dann weiter zur ehemaligen Börse. Ich sage es jetzt einmal und damit soll es für alle Beiträge über Italien gelten. Architektur können die Italiener fast so gut wie Regierungskrisen. Ein Bauwerk ist schöner als das andere. Die Börse ist wirklich ein wahrer Prunkbau!

Besser als jede Regierungskrise

Das nächste Zauberwerk der Baukunst ist der Piazza Unità d’Italia. Die herrschaftliche Architektur ist einfach einzigartig, aber in Italien dann auch einfach Standard. Das Land hat nicht ohne Grund die meisten Welterbestätten.

Grauer
Alltag

Auf dem Platz wird mir auch bewusst, wie vielseitig und abwechslungsreich diese Reise ist. Von Zügen, Seen, Bergen, Meer und italienischer Kunst & Kultur habe ich alles erlebt. Und das in nicht einmal einer Woche! Aber genau das liebe ich ja so am Reisen, die schiere Flut an neuen Erlebnissen und Erfahrungen.

Das Besondere an Triest ist, dass es nicht immer zu Italien gehörte. So war die Stadt doch sehr lange Teil von Österreich-Ungarn. Und genau das merkt man auch an einigen Stellen. Die Macht der Habsburger ist nie ganz verschwunden. So stolpert man auch ab und an über Denkmäler der Habsburger. Besonders erwähnenswert ist das von Kaiser Maximilian. Wohlgemerkt Kaiser Maximilian von Mexiko.

Mein Lieblingsnamensvetter

Triest war dabei für die k.u.k.-Monarchie besonders wichtig, da es der einzige Meerzugang des Kaiserreichs war. Der Triester Hafen nimmt daher eine zentrale Rolle in der Stadt ein. So war er doch Tor zur Welt, Tor zum Handel und Tor zur Macht. Heute ist er noch immer bedeutend, allerdings nicht mehr so wie früher.

Der Schlüssel zur Macht

Nach dem Hafen mache ich mich jetzt auf den Weg zur Kathedrale und zum Kastell der Stadt. Ich lasse mich wieder treiben und gelange so in kleine Gassen, die noch kein Tourist zuvor gesehen hat. Aber diese kleinen Gassen sind so unfassbar schön, dass ich sie eigentlich gar nicht verlassen möchte. Entsprechend lange irre ich durch die kleinen Gassen.

Italienisches Stillleben

Die Ursprünge des Kastells gehen überraschenderweise mal nicht auf die Römer zurück, sondern nur bis ins 15. Jahrhundert. Das zeigt aber, dass Italien mehr als nur Rom ist. Kultur hat das Land definitiv im Überfluss.

Überfluss

Die Kathedrale in der unmittelbaren Umgebung steht allerdings auf dem Fundament der römischen Basilika. Also ganz ohne Rom geht es dann doch nicht. Die Mosaike sind auf jeden Fall sehr sehenswert. Den Einfluss der Habsburger sieht man in der Kirche aber auch. Triest ist ein wahrer Melting Pot der Kultur. Und das macht diese Stadt so einzigartig.

Spätromische Kunstgeschichte

Natürlich bringt eine jede große Handelsstadt auch eine große Anzahl an Kaufleuten hervor. Das ganze Geld muss natürlich auch ausgegeben werden. Daher war ein beliebtes Hobby der Kaufleute das Sammeln archäologischer Artefakte. Und so lag ein großer Teil der Geschichte Italiens für Jahrhunderte lang in den Schubladen der Händler. Indiana Jones wäre außer sich gewesen. Dieses historische Erbe ist aber zum Glück im Laufe der Jahrzehnte immer wieder zurück in die Öffentlichkeit gelangt. So zeigt das Museum für Stadtgeschichte eine unermessliche Sammlung an archäologischen Artefakten, von denen der größte Teil ursprünglich aus Privatbesitz stammen. Benannt ist das Museum nach einem der bedeutendsten deutschen Archäologen: Johann Joachim Winckelmann. Und das Beste ist, dass das Museum kostenfrei ist. Diese Menge an historischen Alltagsgegenständen für uns etwas ganz Besonderes, aber vieles war vor 2000 Jahren zum Teil auch einfach nur billiger Kram. Neben den römischen Artefakten gibt es aber noch so viel mehr zu entdecken. Unter anderem ganz viele Mumien. Und anders als beim British Museum im London sind die Räume hier fast leer und man hat die Chance, die Objekte auch zu studieren.

Ein Tag im Leben eines Archäologen

Nach meinem glückserfüllten Ausflug in die Archäologie durchstreife ich weiter Triest. Genieße kleine Gassen. Und lasse einfach das Glück auf mich einprasseln. Es ist einfach herrlich!

Hinterhöfe in Triest

Für mich geht es dann weiter zur Kathedrale von Triest. Denn was wäre Italien nur ohne die italienische Kirche? Ich bin ja eigentlich kein großer Kirchenfan. Aber die Kirch eist leer und mit der Musik des Kirchenchors im Hintergrund hat der Ort etwas magisches, ja transzendentes. Für Momente wie diese habe ich extra keine Uhr mit, damit ich hier einfach schweben kann. Als dann Ave Maria kommt, habe ich dann die Transzendenz endgültig gefunden.

Was braucht natürlich noch eine jede italienische Stadt? Richtig ein römisches Amphitheater. Wobei das in Triest nur noch die Überreste eines solchen sind.

Panem et circenses

Über den Canale Grande geht es dann für mich wieder zum Bahnhof. Nein, ich möchte Triest noch nicht verlassen. Ich möchte nur auch etwas die Vororte der Stadt erkunden. Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich einfach glücklich und sorgenfrei. Die Sorgen und Gedanken der ersten Tage sind wie verflogen. Ich weiß nicht, ob die Sorgenfreiheit an Italien liegt, dem gestrigen Sonnenuntergang oder einfach nur an der Tatsache, dass mein Schrank im Hostel jetzt ein Schloss hat. Aber solange ich glücklich bin, ist mir die Ursache des Glücks auch egal.

Sorgenfreiheit

Im Zug nach Visogliano, der eigentlich nach Venedig geht, frage ich mich, ob ich nicht meinen ursprünglichen Plan einfach komplett verwerfen soll und nach Venedig weiter fahren soll. Da meine Sachen aber noch im Hostel sind, werden meine Gedankenspiele recht schnell ausgebremst. Und außerdem habe ich meinen Freunden versprochen, sie in Split zu besuchen und zusätzlich macht eine Reise nach Italien anstatt nach Osteuropa mein ohnehin schon knappes Budget nicht mit.

Der Bahnhof Sistianas wirkt so, als hätte diesen Ort noch kein Tourist in seinem Leben gesehen. Zum Glück will ich auch nicht in das Dorf, sondern an die schönen Klippen. Der ganze Ort wirkt hell, steinig und staubig. Ich vergesse fast, dass wir gerade Oktober haben.

Nach guten 20 Minuten erreiche ich dann die Klippen. Für mich sind Klippen einfach ein Symbol der Freiheit. Und Freiheit bedeutet für mich einfach nur Glück. Die Klippen erinnern mich fast ein wenig an die Klippen der Freiheit in der Normandie. Aber auch nur fast. So sind die Klippen hier doch steiniger und bewaldeter und nicht durch ein sanftes Grün des Grases bedeckt.

Kräftig grüne Freiheit

Aber nicht nur die Klippen sind sehenswert. So ist auch der Anblick der großen weiten See ein fantastischer. Die kleinen bunten Segelboote auf der grauen und tristen See sind ein wahrlich künstlerischer Anblick.

Kunst

Der Weg entlang der Klippe ist allerdings alles andere als leicht. Er ist sehr steinig, steil und an manchen Stellen nicht wirklich existent. Zum Glück ist es gerade nicht ganz so heiß. Die schöne Aussicht ist aber auch eine gute Belohnung für die Anstrengungen.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Nach einer Weile finde ich dann einen alten Bunker. Das erinnert jetzt wieder etwas stärker als die Normandie. Ich klettere in das Dunkel hinab und bahne mir mit meiner Handy-Taschenlampe den Weg. Es sind nur wenige Meter und dann finde ich den Ausgang Richtung Klippe. Ich kann meinen Augen kaum trauen. Der Ausblick ist wirklich atemberaubend. Das Meer, die Klippen und dann noch in der Ferne das Schloss Belvedere.

Atemberaubende Freiheit

Bevor ich mich auf den Rückweg mache, erkunde ich mich über meine Bahnverbindung und stehe vor einem kleinen Dilemma. Ich kann entweder 2,5 Stunden warten oder 35 Minuten weg in 30 Minuten zurücklegen. Es ist ein ewiges Hin und Her in mir. Eigentlich will ich mich nicht stressen, aber die Zeit drängt auch etwas. Mal sprinte ich und dann denke ich mir, ist doch auch egal, ich esse jetzt erst einmal was. Aber um 3 Uhr findet man in diesem Dorf natürlich nichts Richtiges. Also beeile ich mich dann doch wieder. Etwas außer Atem erreiche ich dann noch rechtzeitig den Bahnhof. Es geht nach Miramare. Einem kleinen Dorf mit einem malerischen Bahnhof. Und das erkenne ich auch noch außer Atem.

Märchenbahnhof

Der Weg zum Schloss Miramare verläuft zunächst durch einen Wald. Es herrscht vollkommene Ruhe und Stille im kleinen Wald. Es ist der perfekte Ort zum Runterkommen. Es dauert nicht lange, da finde ich meinen Weg zum Schloss. Das Märchenschloss ist ein weiteres Überbleibsel der Habsburger Zeit. Es ist ein wunderschönes kleines Schloss. Es fühlt sich richtig märchenhaft an. Es liegt direkt an der Adria und hat so einen ganz besonderen Flair. Der Garten des Schlosses ist auch unendlich bunt und vollkommen. Wald, Blumen und Meer. Miramare ist wirklich ein kleines Paradies. Ein italienisches Eis wäre jetzt perfekt für diesen Ort. Bei den Preisen des kleinen Cafés vergeht mir aber das Verlangen.

Märchenhaftes Italien
Buntes Italien

Auf dem Weg zum Bahnhof laufe ich an der Strandpromenade entlang und genieße den mediterranen Flair. Ich merke aber auch, was für eine schöne Sprache Italienisch doch ist und setzte mein Italienisch lernen als oberste Priorität.

La dolce vita

Bei der Fahrt nach Triest werde ich wieder Zeuge der goldenen Metamorphose des Meeres. Ich beschließe wieder den Sonnenuntergang am gleichen Ort wie gestern zu genießen. Aber zuerst gönne ich mir in Triest ein Eis. Dafür ist Italien ja weltbekannt. Ich habe aber leider Pech. Denn erst finde ich nirgendwo ein Ort zum Eis kaufen und das, was ich finde, schmeckt jetzt nicht gerade überzeugend. Ich muss wohl weiter suchen.

Der Sonnenuntergang ist wie immer hinreisend, selbst wenn er nicht ganz so perfekt wie gestern ist. Aber das ändert nichts an meiner Liebe für Sonnenuntergänge.

In der Dunkelheit habe ich dann Zeit einen Lebenstraum von mir in Erfüllung gehen zu lassen. Es ist Zeit für Pizza in Italien. Ich bin zwar etwas schockiert, dass man in ITALIEN! nicht weiß, was Lambrusco ist, aber dann nehme ich eben Wasser. Ist ja ohnehin gesünder. Die Pizza mit Büffel Mozzarella ist die wahrscheinlich beste Pizza, die ich in meinem ganzen Leben je gegessen habe. Die Soße ist so fruchtig tomatig und der Mozzarella hat die beste Konsistenz, die ein Käse haben kann! Pizza ich komme wieder! Jetzt geht es aber zunächst wieder auf mein Zimmer.

Um zehn Uhr herrscht dann in meinem Zimmer Stille und Dunkelheit. Meine Nachbarn sehen das aber leider wieder anders.

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4 Kommentare zu „Tag 4 – Triest und die beste Pizza meines Lebens

  1. Ich bin ein ziemlicher Frühaufsteher und im Hostel noch mehr, weil ich in Ruhe die Dusche genießen will.
    Mein Eindruck ist, dass die anderen Leute gar nicht mitbekommen, dass ich mich schon um 6 Uhr auf die Socken mache. (Aber ich werde das morgen Früh in einem Hostel in Budapest überprüfen.)

    Gefällt 1 Person

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