Tag 1 – Es geht los

Ein frisch bestandenes Staatsexamen und ein Interrail Ticket für einen Monat: Darum geht es in der Reihe „Mein Monat„. Bevor du diesen Beitrag liest, ist es vielleicht sinnvoll, erst die vorherigen Beiträge zu lesen.

Samstag, 1. Oktober 2022 – Tag 1

Pünktlich um 7 Uhr morgens stehe ich auf. Ganz ohne Wecker – die Vorfreude ist einfach zu groß. Ganz leise und behutsam um meine 2 Gastgeber nicht zu wecken. Denn bei Schlaf hört die Freundschaft ja bekanntermaßen auf.

8 Uhr Frankfurt Hauptbahnhof. Ein Junkie setzt sich den nächsten Schuss, ein anderer rempelt jeden Zweiten an und noch ein anderer schläft am Boden. Mein geliebtes Frankfurt verabschiedet sich also standesgemäß. Ich werde den Frankfurter Hauptbahnhof nicht mehr vermissen.

Mit dem Zug geht es jetzt nach Slowenien und das ganz ohne Umsteigen. Etwas verwirrt bin ich aber, da überall nur steht, dass der Zug nach Klagenfurt fährt. Was man aber wissen muss, ist, dass der Zug in Villach in Österreich geteilt wird und dann als EC 213 nach Zagreb weiterfährt. Aber wie gesagt, das muss man wissen, denn geschrieben steht es nirgends. Ein jeder Eurocity muss übrigens einen landestypischen Namen haben. Und so heißt der EC 113 nach Klagenfurt noch Blauer Enzian und ab Villach dann Mimara – benannt nach dem kroatischen Maler Mimara.

Der Zug soll laut der DB App eine sehr hohe Auslastung haben. Zum Glück kann ich aber dennoch einen Sitzplatz in einem 6er-Abteil ergattern. Bei 9,5 Stunden Zugfahrt auch eine absolute Notwendigkeit. In Stuttgart gibt es dann aber die Ernüchterung. Mein Sitzplatz ist ab hier reserviert. Und so stehe ich in einem mittlerweile überfüllten und verspäteten Zug – Deutsche Bahn eben. Wenigstens stehe ich am Fenster und kann die traumschöne Natur des Schwabenlandes genießen. Für solche Blicke liebe ich ja auch das Reisen mit dem Zug. Und auch sonst hat das Reisen per Bahn einige Vorteile. So kann ich auch seit Heidelberg erleben, wie ein junger Mann sich die ganze Zeit über die Bahn echauffiert und das in einem zutiefst Mannheimer Dialekt. Der Schaffner ist aber die Ruhe selbst und antwortet freundlich und ruhig auf alle seine Punkte. Wenn man keine Sitzplatzreservierung hat, darf man eben auch nicht erwarten, dass man einen Anspruch auf einen Sitzplatz hat. Der Grund, warum der Zug so voll ist, ist auch ein ganz einfacher. Es ist der 1. Oktober und der Zug hält in München. Massen an betrunkenen Lederhosen und betrunkenen Dirndls sind auf dem Weg zum Oktoberfest. Immerhin kann ich so ab München wieder in einem 6er-Abteil sitzen. Wieder am Fenster. Denn jetzt wird die Landschaft erst so richtig schön.

Meine Mitreisenden sind ein älterer deutscher Herr, der standesgemäß erst einmal sein Leberkäsbrötchen und sein Dosenbier auspackt und ein asiatisches Ehepaar, was das Konzept deutscher Züge aber anscheinend nicht ganz so wirklich verstanden hat. Aber während der Rest des Abteils auf das Handy hinabschaut, klebe ich an der Scheibe und genieße die wunderschöne Aussicht.

Mitten in den mystisch grau vernebelten Alpen fühlt man sich so klein, so imposant ist dieser Anblick. Aber das mystische Grau wird immer wieder auch durch die bunten Vorboten des Herbstes durchbrochen. Die kleinen Farbtupfer machen so die Aussicht noch schöner, selbst wenn das Grün der Natur momentan noch überwiegt.

Allein für diese Fahrt durch die Alpen hat sich das alles hier schon gelohnt. Das ist das, wofür ich gemacht bin. Hier gehöre ich hin. Mitten in die Natur, auf einer Reise, dessen Ziel niemand kennt. Der Gedanke allein, bald selbst in der Natur zu stehen und nicht nur durch sie durch sie zu fahren, ist ein so unendlich schöner Gedanke und erfüllt mich bereits mit größten Glücksgefühlen. Aber vielleicht bin ich auch nur so fasziniert, weil ich noch nie wirklicher einen Urlaub in den Alpen hatte. Der Urlaub mit 6 Monaten zählt nicht wirklich. Das werde ich auf jeden Fall nächstes Jahr nachholen!

Meine Bestimmung

Während der Zugfahrt erlebe ich auch die wunderschöne Metamorphose der Wiesenlandschaft hin zur Waldlandschaft. Auch geht es jetzt weit hinauf mit dem Zug. Regelmäßig sieht man Kühe und Esel in der freien Natur. Man rauscht zwar an ihnen vorbei, aber trotzdem glaube ich, dass sie mich anlächeln.

Die Sicht, wenn man nicht auf sein Smartphone schauen würde

In Jesenice merkt man dann, dass wir auf dem Balkan sind. Zwischen Zuggleisen und Fußwegen wird nicht mehr unterschieden und auch die Architektur ist etwas anders als die in Österreich. Trotzdem finde ich, dass der Balkan viel zu oft unterschätzt wird. Denn eigentlich ist es wirklich eine grandiose Gegend! Deswegen reise ich ja auch in den Balkan.

Balkanliebe

Ich habe hier ja schon wirklich sehr sehr sehr oft geschrieben, dass ich Sonnenuntergänge liebe. Und das auch wirklich mit Herz. Einen Sonnenuntergang im Zug am ersten Tag zu erleben ist daher wirklich ein perfekter Start in die Reise.

In Lesce angekommen, habe ich jetzt zwei Möglichkeiten, um zu meinem Hostel zu gelangen. Ich könnte mit dem Bus fahren, so wie die anderen 20 Backpacker oder eine Stunde laufen. Natürlich laufe ich.

Das erste Bild der Reisemeiner richtigen Kamera

Nach dem ganzen langen Sitzen tut das Laufen echt gut. Die phänomenale Landschaft hilft auch. Man hat das Gefühl, eingekesselt von Bergen zu sein. Aber nicht auf eine schlechte Art und Weise. Es ist eine majestätische Schönheit, die einen umgibt. Man fühlt sich so frei. Die Laune geht immer weiter aufwärts. Als es dann aber etwas Steigung gibt bei meinem Weg zum Hostel, geht es mit meiner Kondition abwärts. Die Berge sind aber so majestätisch schön, dass man fast meinen könnte, man steht vor dem Olymp.

Weggeschichten

In der Dämmerung setze ich mich auf eine Bank, esse zu Abend und genieße einfach die Schönheit der Berge. Den See meide ich bewusst, damit ich morgen überrascht werden kann. Davor laufe ich auf einer unbeleuchteten Straße in kompletter Dunkelheit. Das einzige Licht: die Scheinwerfer der passierenden Autos und die Lichter der Grabeskerzen vom Friedhof auf der anderen Straßenseite. Dabei ist Halloween doch erst in einem Monat.

Mein Olymp

Dann habe ich auch (schon) mein Hostel erreicht. Es wirkt so unfassbar dubios. An einem Tor hängt ein Zettel aus Papier mit dem Namen des Hostels. In einem Hinterhof sitzen zwei rauchende Menschen, die den Check-in darstellen. Durch einen kleinen Gang kommt man in einen anderen Hinterhof, wo das Haus der Zimmer ist. Das Bett muss erst noch bezogen werden, das Personal ist sich aber erst unsicher, welches Bett ich bekomme und entscheidet sich einfach für das Nächste, was frei ist. Dubiose Hostels gehören einfach zu so einer Reise dazu. Meine Zimmergenossen sind drei junge Herren aus Frankreich, die sogar englisch können. Sie brechen aber auch recht schnell auf und genießen das Nachtleben der Stadt, die zur Hälfte aus Interrail-Touristinnen besteht.

Bevor ich aber schlafe, will ich noch kurz duschen gehen. Es gibt zwei Duschen für die Etage. Die eine ist belegt und bei der anderen funktioniert das Licht nicht. Da ich nicht ewig warten will. Dusche ich einfach im Dunkeln. Wobei dank der Handy-Taschenlampe, die in der Ecke liegt, ist es zumindest nicht komplett düster.

Im Bett plane ich mal die nächsten 2 Tage und stelle fest, dass ich nicht viel vorher geplant hatte, aber das, was ich geplant habe, hat sich auch schon wieder erledigt.

Kurz vorm Schlafen kommt im Bett dann eine alte schlechte Gewohnheit von mir durch. Anstatt gemütlich einzuschlafen, fange ich an zu overthinken. Ich frage mich, ob ich es wirklich schaffe, alleine einen Monat durch Europa zu reisen. Ob die Zweifel verschwinden werden? Ob ich es schaffen werden? Wir werden es in Zukunft sehen…

Ein Kommentar zu “Tag 1 – Es geht los

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