Glück auf!

Tief im Westen,
Wo die Sonne verstaubt,
Ist es besser,
Viel besser, als man glaubt
Tief im Westen

Verstaubt, grau und überfüllt – so habe ich mir immer das Ruhrgebiet vorgestellt. Meine Erwartungen sind dementsprechend nicht die Höchsten gewesen. Doch freudige Überraschungen sind immer ein wahres Schmankerl. Strahlend, grün und ganz freundlich – so ist das Ruhrgebiet wirklich.

Essen Hauptbahnhof – die erste Überraschung der Reise. Ich habe natürlich mit meinem Heimatbahnhof, dem Frankfurter Hauptbahnhof, nicht gerade die größte ästhetische Schönheit als Referenz, aber ein Hauptbahnhof kann tatsächlich schön sein. Die unterirdischen Bahnsteige der Straßenbahn sind unglaublich schön gestaltet. Es wird mit vielen bunten Lichtern gespielt und wo es nur geht, wird auf den traditionsreichen Bergbau verwiesen. Der erste Eindruck ist schon mal eine sehr positive Überraschung. Auch die längere Straßenbahnfahrt durch die Essener Innenstadt ist eine positive Überraschung. Die Stadt ist doch recht ansehnlich. Vielleicht keine Perle der Schönheit, aber das muss ja auch nicht jede Stadt sein.

Ich habe das große Glück, dass das Wetter heute traumhaft ist. Und so lächelt die große UNESCO-Welterbestätte – die Zeche Zollverein – mich bei strahlendem Sonnenschein direkt an.

Der Eifelturm des Ruhrgebites

Das Areal ist groß und außerordentlich schön. Das ganze Grün verdeckt ein bisschen den Industriecharakter des Geländes und sorgt für perfekte Harmonie. Das Industriedenkmal ist außerordentlich modern gestaltet und auch sehr informativ. Im Ruhr-Museum lerne ich, wie wenig ich doch über den Bergbau und das Ruhrgebiet weiß. Diese „Epoche“ der deutschen Geschichte gehört zwar mittlerweile komplett der Vergangenheit an, aber es ist doch irgendwie traurig, dass ich darüber fast nichts weiß. Ohne persönlichen Bezug ist das aber auch relativ schwer.

Moderne trifft Tradition

Danach geht es weiter über das großläufige Areal. Je weiter man sich vom Eingang entfernt, umso stärker kommt der Industriecharakter durch. Der Charme der Industrialisierung wird immer deutlicher. Die Anlagen der Technik werden immer imposanter und die Überreste der Industrialisierung werden immer mehr als Überreste deutlich.

Überreste einer Epoche
Wo Industrie auf Grün zusammentrifft

Es ist insgesamt ein sehr schön aufbereitetes und informatives Gelände. Ich persönlich habe aber wenig Bezug zu der Thematik und finde es daher schön, hier gewesen zu sein, weiß aber auch, dass das kein Ort ist, an dem ich noch mal unbedingt wieder hinreisen möchte. Schön ist’s trotzdem und vor allem ist es mittlerweile nicht mehr dreckig und verstaubt.

Die Zeche Zollverein liegt im höchsten Norden der Stadt, das nächste Ziel im tiefsten Süden der Stadt. Wo Kohle ist, da ist auch Kohle. Die harte Arbeit der Bergleute hat viel Profit gebracht und so eine Familiendynastie geschaffen, die als eine der reichsten und einflussreichsten Familien in die deutsche Geschichte eingeht. Es ist die sagenumwobene Familie Krupp. Die hat ihre Villa im Essener Südwald errichtet. Die S-Bahn hält direkt vor dem Außengelände der Villa Hügel. Kleiner historische Fun Fact am Rande: Diese Haltestelle wurde von der Familie persönlich bezahlt und gebaut, damit sie ihre Gäste besser empfangen konnten und sie nicht auf die deutsche Bürokratie warten wollten. Ich bin ja mal gespannt, wann Elon Musk in Grünheide einfach mal einen Bahnhof baut… Aber nun zurück zu den Krupps.

Die Villa Hügel der Familie Krupp

Deren Villa ist besonders eins – imposant. Die Innenarchitektur lebt von einer lebhaften und kunstvollen Holzarchitektur. Es ist wirklich eine schöne Villa und nicht unbedingt übertrieben luxuriös. Natürlich ist es eine Villa, aber Gold und Marmor lässt sich nirgends finden. Die Holzoptik sorgt für eine fast naturvolle Atmosphäre.

Holz statt Gold

Auch die Umgebung der Villa ist sehr natürlich. Sie ist umgeben von vielen Bäumen, Blumen und Wiesen. Es ist irgendwie ironisch, dass der Familiensitz der Industrialisierungsfamilie ganz natürlich und grün ist. Aber ich finde es hier ehrlicherweise auch viel schöner.

Das Außengelände der Villa

Der kleine Wald hat einen unfassbaren Charme. Man fühlt sich fast so, als sei man im Schwarzwald. Man kann einfach den Gedanken freien Lauf lassen und abschalten. Beim sehnsuchtsbummeln durch den Wald vergisst man glatt, dass man im Herzstück der Industrialisierung steht.

Essener Schwarzwald

Beim Rückweg erkenne ich dann auch, warum die Villa Hügel so heißt. Sie steht auf einem kleinen grünen Hügel. Bei dem Anblick muss ich instinktiv an den Grünen Hügel in Bayreuth denken. Die beiden Hügel sind sich nämlich sehr viel ähnlicher, als man glauben mag.

Der Grüne Hügel Essens

Ein weiterer Vorteil des Hügels ist, dass man eine fantastische Aussicht auf die Ruhr hat. Es ist ein unglaublich schöner Anblick. Es ist vielleicht nicht so schön wie das Mittelrheintal, aber es ist trotzdem ein traumhafter Fluss. Und so geht der Weg vom Hügel nach unten an das Ufer. Es ist kein langer Weg. Die Aussicht dabei verschönert aber jeden kurzen Meter. Unten angekommen, kann ich dann bei strahlendem Sonnenschein einfach am Fluss spazieren und etwas sehnsuchtsbummeln. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Ruhrgebiet so schön natürlich finden würde.

Die Ruhr

Und dann geht es für mich auch wieder zurück in die Essener Innenstadt. Es ist keine traumhaft schöne Stadt aber welche Großstadt ist das auch schon. Ein paar Geschäfte, ein paar Restaurants und ein paar Kirchen und sonst nicht viel besonderes. Und der Essener Münster ist für NRW Verhältnisse noch relativ schlicht.

Der Essener Münster

Ein kleines Highlight gibt es dann aber doch noch: die Alte Synagoge in der Innenstadt. Diese ist nämlich erstaunlicherweise noch von außen vollständig erhalten. Das Innere ist auch sehr sehenswert. Denn dort wird über das Jahrhunderte alte jüdische Leben in Deutschland erzählt.

Die alte Synagoge
„Wisse, vor wem Du stehst“

Abschließend lässt sich sagen, dass Essen doch viel schöner ist, als man denkt und Erwartungen mit den erlebten Eindrücken nicht immer übereinstimmen. Es ist jetzt nicht die schönste Stadt in Deutschland, die ich kenne aber, das negative Image des Ruhrgebiets kann diese Stadt auch nicht bestätigen. Ich werde mich daher noch oft an meine Reise im März 2021 erinnern.

2 Kommentare zu „Glück auf!

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